Der schönste Moment dieser Woche passierte am Freitag, unerwartet, auf dem Weg zum Supermarkt. Einige Meter entfernt krächzte es. Ich blieb stehen und schaute mich um. Eine Krähe saß auf dem Rasenstück neben dem Denkmal. Ihr Gefieder war vom Wind zerzaust und das Tier, so bildete ich mir ein, sichtlich unzufrieden. Immer dieser Wind!
Ich trat näher, hielt aber gebührenden Abstand. Die Burg-Krähen sind noch scheuer als die Furt-Krähen – und das bilde ich mir sicher nicht ein.
Zum Glück der Krähe hatte ich meinen Beutel mit Erdnüssen dabei. Seit die Jackensaison angebrochen ist, bin ich wieder allzeit bereit. Für Gelegenheiten wie diese.
Die Zerzauste entpuppte sich als deutlich weniger zaudernd als ihre Artgenossen. Eifrig sammelte sie die Nüsse ein, flog mit vollem Schnabel zurück auf das Rasenstück, vergrub sie dort und kehrte erwartungsvoll zurück. Ich traute meinen Augen kaum, als sie bis auf anderthalb Meter auf mich zugehüpft kam, und verausgabte schnell die zweite Fuhre. Dann wurden die Tauben auf uns aufmerksam. Schnell drehte ich mich um und warf im Weggehen eine dritte Hand voll Erdnüsse in Richtung Vogelschar.
Ich kann Tauben durchaus leiden und würde sie auch gerne füttern, aber die Angst – meine Angst – vor den Menschen und ihrer womöglich negativen Reaktion hält mich meistens davon ab. Noch einen Schlag gegen mein dünnes, durchlässiges Gefieder hätte ich diese Woche nicht ausgehalten. Ein böses Wort hängt mir lange nach. Ein antizipiertes böses Wort spannt mich vor seinen Karren und lässt die Peitsche knallen. So war der Rest des Mo-bis-Fr.
Ich trat näher, hielt aber gebührenden Abstand. Die Burg-Krähen sind noch scheuer als die Furt-Krähen – und das bilde ich mir sicher nicht ein.
Zum Glück der Krähe hatte ich meinen Beutel mit Erdnüssen dabei. Seit die Jackensaison angebrochen ist, bin ich wieder allzeit bereit. Für Gelegenheiten wie diese.
Die Zerzauste entpuppte sich als deutlich weniger zaudernd als ihre Artgenossen. Eifrig sammelte sie die Nüsse ein, flog mit vollem Schnabel zurück auf das Rasenstück, vergrub sie dort und kehrte erwartungsvoll zurück. Ich traute meinen Augen kaum, als sie bis auf anderthalb Meter auf mich zugehüpft kam, und verausgabte schnell die zweite Fuhre. Dann wurden die Tauben auf uns aufmerksam. Schnell drehte ich mich um und warf im Weggehen eine dritte Hand voll Erdnüsse in Richtung Vogelschar.
Ich kann Tauben durchaus leiden und würde sie auch gerne füttern, aber die Angst – meine Angst – vor den Menschen und ihrer womöglich negativen Reaktion hält mich meistens davon ab. Noch einen Schlag gegen mein dünnes, durchlässiges Gefieder hätte ich diese Woche nicht ausgehalten. Ein böses Wort hängt mir lange nach. Ein antizipiertes böses Wort spannt mich vor seinen Karren und lässt die Peitsche knallen. So war der Rest des Mo-bis-Fr.
pancreases | 25. Oktober 26 | 0 Kommentare
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Ich muss feststellen, dass ich jeglichen Respekt verloren habe vor der Zeit, die ich im Zug verbringe. Unter vier Stunden sind es ja sowieso fast nie, aber auch acht und mehr sind keine Seltenheit. Was hätte ich mich früher geärgert, wenn mir so etwas wie am Freitag passiert wäre. Ganz rot angelaufen wäre ich, Kopfschmerzen hätte ich bekommen vor Wut. Aber ob nun sechseinhalb Stunden oder fast neun – irgendwann ist es ja auch egal.
Um 12:00 Uhr stieg ich in den Bus – richtige Linie, falsche Richtung. Das war deshalb nicht sofort ersichtlich, weil sich die Haltestelle im Kreisverkehr befand und von allen Bussen gleichermaßen angefahren wurde. Mit mir stieg eine Horde Schulkinder ein und ich wurde zwischen Tür und Tretrollern eingequetscht. “Wieder in oder nie out?”, fragte ich mich.
Als ich auf die Endhaltestelle schaute, hatte ich gleich ein ungutes Gefühl. Mir war, als hätte der Bus, den ich drei Tage zuvor auf der Hinfahrt genommen hatte, dieselbe Endhaltestelle angezeigt. Ich checkte also schnell Google Maps und musste mir meinen Fehler eingestehen. Die klügste Handlung wäre nun gewesen, auszusteigen und auf den Bus in die Gegenrichtung zu warten. Google Maps riet etwa fünf Haltestellen lang zu diesem Vorgehen. Irgendwann stiegen die Kinder aus und ich konnte mich für die restliche halbe Stunde der Fahrt hinsetzen.
Was mich ritt: Der Wunsch, allein zu sein. Ich stellte mir vor, wie ich zurückfuhr und Big P begegnete, der die gleiche Strecke eine Stunde später fahren wollte. Nicht nur hätte ich ihm meinen idiotischen Fehler erklären müssen, ich hätte auch noch mindestens eine Stunde gemeinsamer Fahrt mit Gespräch füllen müssen – und das, nachdem wir uns eben erst verabschiedet hatten.
Was mich außerdem ritt: eine gewisse, vielleicht von der Müdigkeit getriebene Resignation und Teilnahmslosigkeit, der die Aussicht gefiel, die eigenen Fehler konsequent zu Ende zu leben. Nur gut, dachte ich, dass Deutschland klein genug ist und der Nah- und Fernverkehr bei allen Klagen immer noch gut genug funktioniert, dass ein Idiot wie ich irgendwo in der Provinz ganz im Süden mittags losfahren und am Abend ganz im Norden ankommen kann. Think positive.
Am Provinzbahnhof fühlte ich mich nach den Tretrollern erneut in die Vergangenheit, circa 2004 zurückversetzt. Dort wurden jene Heftromane verkauft, die damals zur Standardlektüre meiner Tante und Uroma zählten: Toni Der Hüttenwirt, Dr. Burger: Schicksale zwischen Tal und Gipfel und Erlebte Geschichte Freikorps: Schnee und Blut (das Wort Blut in roter Schrift).
Mir fällt auf, dass ich erstens sehr wenig Kontakt zu Kindern habe und zweitens sehr selten an Provinzbahnhöfen weile. Eine dieser Tatsachen finde ich bedauerlicher als die andere.
Vor Hannover wurde ich zum Ziel einer meisterlichen Smalltalk-Attacke. Ich selbst würde im unwahrscheinlichen Fall, dass ich zu einem netten Plausch mit Fremden aufgelegt wäre, sofort aufgeben, wenn mein Sitznachbar Kopfhörer tragen und offensichtlich mit Arbeit beschäftigt sein würde. Ehrlich, ich hätte keine Ahnung, wie diese Nuss auf sozialverträgliche Weise zu knacken wäre. Aber es ist möglich und funktioniert so: Man fragt, ob der Sitzplatz frei sei, besetzt ihn und steht wenige Sekunden später wieder auf. “Ich gehe ins Bordbistro”, verlautbart man. Die Höflichkeit gebietet es, dass der Sitznachbar die Kopfhörer nun abnimmt, woraufhin man den Satz wiederholt. Sobald man aus dem Bordbistro zurückkommt, stellt man fest: “Meine BahnCard läuft bald ab.” Der Sitznachbar muss nun erneut die Kopfhörer abnehmen und die Arbeit am Laptop einstellen. Man wiederholt den Satz und führt aus, was das Ablaufen der BahnCard mit der Tatsache zu tun hat, dass man sehr viele Freigetränke im Bordbistro konsumiert. Es ist also, und das ist das Erstaunliche, überhaupt nicht nötig, dem Sitznachbar Fragen zu stellen oder ein Interesse an seiner Person zu zeigen. Es reicht völlig aus, Informationen über sich selbst zu teilen. Der Sitznachbar wird nun seinerseits, völlig ungefragt, einen Gesprächsbeitrag leisten, da es allzu seltsam erschiene, überhaupt nichts zu erwidern. Et voilá: der Talk ist im Gange und muss nun so lange fortgeführt werden, bis einer von beiden den Zug verlässt.
Wütend wurde ich dann doch noch. Als ich gegen 21 Uhr ausstieg, regnete es nämlich in Strömen und das mag zwar hier die Regel sein, aber aus dem tiefsten Süden kommend war es der Tropfen, der das Fass des Tages zum Überlaufen brachte. Pitschnass kam ich eine halbe Stunde später zu Hause an.
Zeit ist Schall und Rauch. Aber man soll mich dann nicht auch noch zusätzlich ärgern.
Um 12:00 Uhr stieg ich in den Bus – richtige Linie, falsche Richtung. Das war deshalb nicht sofort ersichtlich, weil sich die Haltestelle im Kreisverkehr befand und von allen Bussen gleichermaßen angefahren wurde. Mit mir stieg eine Horde Schulkinder ein und ich wurde zwischen Tür und Tretrollern eingequetscht. “Wieder in oder nie out?”, fragte ich mich.
Als ich auf die Endhaltestelle schaute, hatte ich gleich ein ungutes Gefühl. Mir war, als hätte der Bus, den ich drei Tage zuvor auf der Hinfahrt genommen hatte, dieselbe Endhaltestelle angezeigt. Ich checkte also schnell Google Maps und musste mir meinen Fehler eingestehen. Die klügste Handlung wäre nun gewesen, auszusteigen und auf den Bus in die Gegenrichtung zu warten. Google Maps riet etwa fünf Haltestellen lang zu diesem Vorgehen. Irgendwann stiegen die Kinder aus und ich konnte mich für die restliche halbe Stunde der Fahrt hinsetzen.
Was mich ritt: Der Wunsch, allein zu sein. Ich stellte mir vor, wie ich zurückfuhr und Big P begegnete, der die gleiche Strecke eine Stunde später fahren wollte. Nicht nur hätte ich ihm meinen idiotischen Fehler erklären müssen, ich hätte auch noch mindestens eine Stunde gemeinsamer Fahrt mit Gespräch füllen müssen – und das, nachdem wir uns eben erst verabschiedet hatten.
Was mich außerdem ritt: eine gewisse, vielleicht von der Müdigkeit getriebene Resignation und Teilnahmslosigkeit, der die Aussicht gefiel, die eigenen Fehler konsequent zu Ende zu leben. Nur gut, dachte ich, dass Deutschland klein genug ist und der Nah- und Fernverkehr bei allen Klagen immer noch gut genug funktioniert, dass ein Idiot wie ich irgendwo in der Provinz ganz im Süden mittags losfahren und am Abend ganz im Norden ankommen kann. Think positive.
Am Provinzbahnhof fühlte ich mich nach den Tretrollern erneut in die Vergangenheit, circa 2004 zurückversetzt. Dort wurden jene Heftromane verkauft, die damals zur Standardlektüre meiner Tante und Uroma zählten: Toni Der Hüttenwirt, Dr. Burger: Schicksale zwischen Tal und Gipfel und Erlebte Geschichte Freikorps: Schnee und Blut (das Wort Blut in roter Schrift).
Mir fällt auf, dass ich erstens sehr wenig Kontakt zu Kindern habe und zweitens sehr selten an Provinzbahnhöfen weile. Eine dieser Tatsachen finde ich bedauerlicher als die andere.
Vor Hannover wurde ich zum Ziel einer meisterlichen Smalltalk-Attacke. Ich selbst würde im unwahrscheinlichen Fall, dass ich zu einem netten Plausch mit Fremden aufgelegt wäre, sofort aufgeben, wenn mein Sitznachbar Kopfhörer tragen und offensichtlich mit Arbeit beschäftigt sein würde. Ehrlich, ich hätte keine Ahnung, wie diese Nuss auf sozialverträgliche Weise zu knacken wäre. Aber es ist möglich und funktioniert so: Man fragt, ob der Sitzplatz frei sei, besetzt ihn und steht wenige Sekunden später wieder auf. “Ich gehe ins Bordbistro”, verlautbart man. Die Höflichkeit gebietet es, dass der Sitznachbar die Kopfhörer nun abnimmt, woraufhin man den Satz wiederholt. Sobald man aus dem Bordbistro zurückkommt, stellt man fest: “Meine BahnCard läuft bald ab.” Der Sitznachbar muss nun erneut die Kopfhörer abnehmen und die Arbeit am Laptop einstellen. Man wiederholt den Satz und führt aus, was das Ablaufen der BahnCard mit der Tatsache zu tun hat, dass man sehr viele Freigetränke im Bordbistro konsumiert. Es ist also, und das ist das Erstaunliche, überhaupt nicht nötig, dem Sitznachbar Fragen zu stellen oder ein Interesse an seiner Person zu zeigen. Es reicht völlig aus, Informationen über sich selbst zu teilen. Der Sitznachbar wird nun seinerseits, völlig ungefragt, einen Gesprächsbeitrag leisten, da es allzu seltsam erschiene, überhaupt nichts zu erwidern. Et voilá: der Talk ist im Gange und muss nun so lange fortgeführt werden, bis einer von beiden den Zug verlässt.
Wütend wurde ich dann doch noch. Als ich gegen 21 Uhr ausstieg, regnete es nämlich in Strömen und das mag zwar hier die Regel sein, aber aus dem tiefsten Süden kommend war es der Tropfen, der das Fass des Tages zum Überlaufen brachte. Pitschnass kam ich eine halbe Stunde später zu Hause an.
Zeit ist Schall und Rauch. Aber man soll mich dann nicht auch noch zusätzlich ärgern.
Oder: Letzte Grüße aus Absurdistan
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Badezimmerboden. Den Laptop habe ich auf dem kleinen Hocker platziert, das große Handtuch habe ich um die Beine geschlungen. Ich atme auf. Jedoch zu früh. Mein Blick fällt zur Tür und das Herz macht einen Sprung, denn der Plan – mein genialer Plan – hat einen Haken: zwischen Tür und Boden gibt es einen Spalt. Wäre dies ein Film, gäbe es jetzt einen Zoom auf die Augen der Autorin, der Blick huscht in raschem Tempo von links nach rechts (Tatort Intro, Sekunde 2-6). Ab jetzt behalte ich den Spalt im Auge, lasse ihn keine zwei Sekunden unbeobachtet.
Im Laufe der letzten Sätze habe ich den Plan erweitert, den nächsten Schritt vorweggenommen, das “Was mache ich, falls…?” beantwortet. Falls die Kakerlake (oder was auch immer das für ein Viech ist) durch den Spalt ins Badezimmer gekrabbelt kommt, werde ich auf- und in die Dusche hinter mir springen. Ich werde the Viech von meiner letzten Bastion hinter dem Duschglas aus beobachten. Sollte es sich auf mich zubewegen, werde ich die Schockstarre überwinden und mich zu einer von zwei Varianten durchringen müssen.
Variante I: Das Handtuch, das ich soeben in weiser Voraussicht in die Dusche gelegt habe, auf the Viech schmeißen und im schnellsten Sprint meines Lebens aus dem Bad fliehen. Sollte ich es dabei nicht schaffen, Laptop und Handy mitzunehmen, täte mir das sehr leid – nicht nur wäre es ein schmerzlicher Verlust, denn ich könnte nicht weiterschreiben und wäre ganz allein mit meiner Angst. Ich müsste auch beide Geräte am nächsten Morgen irgendwie aus dem verseuchten Bad bergen. Dafür mache ich aber jetzt noch keinen Plan – man soll den Teufel schließlich nicht an die Wand malen.
Variante II: Klamotten vom Leib reißen und Wasser an.
Ok, ich habe das gerade gegoogelt: Kakerlaken mögen feuchte Orte, lehnen aber stark fließendes Wasser ab. Ich weiß nicht, wie sehr die Betonung auf stark liegt. Um auf Nummer sicher zu gehen (und um keine andere Nummer geht es hier), müsste ich wohl voll aufdrehen. Variante I ist klar die präferierte. Sollte the Viech anfangen, sich schnell und unkontrolliert zu bewegen oder gar aufzufliegen (Hintergrundmusik: Schreie), bliebe mir jedoch keine Zeit für die Handtuchvariante. Aber ich bin ehrlich: Wahrscheinlicher ist, dass ich mich in diesem Fall in die hintere Ecke der Dusche kauern, die Augen schließen, die Hände über die Ohren schlagen und mich hin und her wiegen würde. Sollte mich the Viech berühren, wäre ich auf der Stelle tot. Sollte es mich nicht berühren, wäre ich in einer noch verzwickteren Situation und eigentlich lieber tot.
Wie bin ich in diese missliche Lage geraten? Das kam so:
Ich befinde mich auf Dienstreise (schon wieder – my life is a Dienstreis) und sollte mir, wie alle Menschen ohne professoralen Status, das Zimmer teilen. Es sind hier nämlich, entgegen der allgemeinen Annahme (ehrlich gesagt: keine Ahnung, was irgendwer annimmt, vermutlich gar nichts), alle sehr darauf bedacht, die Steuergelder der hochverehrten Leserschaft nicht mit beiden Händen zu verprassen. Das finde ich gut und richtig und eine absolute Scheiße, wenn die Zimmer nicht einmal getrennte Betten haben. Meine designierte Zimmergenossin nahm jedoch die moralische Schuld auf sich und fragte höflich an, ob es nicht doch eventuell möglich wäre und so weiter – sie sei nämlich eine sehr bewegungsfreudige Schläferin. Der Wunsch wurde gewährt und bis vor vier Stunden war ich sehr glücklich darüber. Bougie wie ich bin, durfte ich sogar das Doppelzimmer behalten.
Nun ist es aber so, dass ich das Zimmer natürlich, selbstverständlich, um alles in der Welt lieber mit der wunderbaren, tatkräftigen Kollegin geteilt hätte als mit the Viech. Die Kollegin hätte ganz bestimmt eine der vielen, von H am Telefon vorgeschlagenen Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen umsetzen können, zu denen ich leider nicht in der Lage war und bin. Ich sehe sie vor mir, wie sie sich in einem heroischen Akt der Selbstaufopferung the Viech nähert und es mit einem Schuh/Handtuch/Buch erschlägt. Selbst wenn the Viech dabei auf den Boden und ihr direkt vor die Füße gefallen wäre, hätte sie nur kurz aufgeschrien und es dann kräftig aufstampfend erledigt.
Stattdessen lag ich mit angezogenen Beinen im Bett und beobachtete, wie the Viech allzu aktiv um die Lampe herumkrabbelte. Die Lampe befand sich zum Glück an der gegenüberliegenden Wand, einige Meter entfernt, sodass ich keine unmittelbaren Maßnahmen (schreien? flüchten? keine Ahnung!) einleiten musste. Kaum hatte ich das Telefonat mit H beendet, begann the Viech jedoch, sich langsam an der Decke entlang Richtung Bett zu bewegen. Kurz bevor es sich über meinen Füßen befand, tat ich das einzige, das mir in diesem Moment einfiel, löschte das Licht und versteckte mich unter der Decke, damit es mich auf gar keinen Fall berühren konnte (wir erinnern uns: instant death). Auch wenn die Situation unter der Decke zunächst relativ sicher schien, spitzte sie sich innerhalb weniger Minuten zu. Unter einer eng umschlungenen Decke wird es nämlich ziemlich schnell unerträglich heiß und stickig. Nun war es aber auch nicht möglich, die Ausgangssituation wiederherzustellen: Licht an, Decke weg, Augen auf – the Viech direkt über/hinter/neben mir! Nein. Nein, das konnte ich nicht.
Notabene: Ich bin mir der Absurdität und Infantilität meines Verhaltens durchaus bewusst. Hier, auf dem kalten Badezimmerboden sitzend, bekenne ich: Ich habe mich nicht immer rational verhalten.
Das einzige, was die Situation noch schlimmer hätte machen können, wäre, wenn es sich bei the Viech um eine Spinne oder eine amerikanische Kakerlake gehandelt hätte. Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Vermutlich instant death.
(Einmal bin ich einer amerikanischen Kakerlake sehr nah gekommen – diese Viecher sind wirklich das absolute Grauen. Es gibt viele Gründe, da drüben nicht leben zu wollen. Kakerlake: Top 1-3.)
Um eine lange Geschichte abzukürzen: Sauerstoffmangel führte zu Decke leicht anheben, führte zu Erleichterung, dass the Viech nicht direkt neben meinem Kopf sitzt, führte zu Decke höher anheben, führte zu Realisation, dass ich so niemals werde schlafen können, führte zu spontanem Fluchtplan, führte zu Sprint ins Bad, führte zu siehe oben.
Der Plan sah vor, dass ich mich im Bad kurz sammle und von dort dann die geordnete Rückkehr antrete. Ich stelle mir das so vor: Ich werde gleich aus dem Bad treten, das Licht anmachen und mich systematisch im Raum umschauen. Ich gehe davon aus, dass the Viech nicht zu sehen sein wird. In diesem Fall muss ich mir selbst gut zureden, dass es sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass sich the Viech in der Zwischenzeit in meine Decke gekuschelt hat. So etwas tun Kakerlaken nicht – das wäre völlig wider die Kakerlakennatur.
Im anderen Fall, dass sich the Viech immer noch an der Decke befindet, schlimmstenfalls direkt über dem Bett, bin ich erledigt. Ich werde dann ernsthaft in Betracht ziehen müssen, die ganze Nacht wach im Bad zu verbringen. Es ist schon 2 Uhr. Verdammte Scheiße, es ist schon 2 Uhr!
Eines will ich noch sagen. Ich habe die Angewohnheit, alles, was ich denke, tue und fühle in Frage zu stellen. Nicht auf eine oh-ich-bin-so-reflektiert-und-selbstkritisch-e Art und Weise, sondern auf eine oh-Gott-vielleicht-bilde-ich-mir-alles-nur-ein-und-tu-nur-so-um-mich-wichtig/interessant/wasweißich-zu-machen Art und Weise. Ich nehme daher für mich als positiven Aspekt aus dem heutigen Abend mit, dass ich mir jetzt recht sicher sein kann, dass ich tatsächlich eine ausgewachsene Phobie habe. Na ja, Phobie ist ein starkes Wort und man soll nicht alles pathologisieren und ich habe in der Regel keinerlei Einschränkungen im Alltag (außer, dass ich in der Burg kein Fahrrad mehr fahre, weil ich zu viele schlechte Erfahrungen mit Spinnen gemacht habe, Spinnen überall, ich hasse hasse hasse die Spinnen in der Burg) und es ist ja durchaus nicht ausgeschlossen, dass ich das alles nur gemacht habe, um diesen Text zu schreiben, was für sich genommen auch schon wieder ein wenig komisch wäre, aber na ja, so bin ich eben, muss mich immer hervortun und auch dieser Satz ist wieder nur Ausdruck davon und dieser und dieser und eigentlich müsste ich das löschen, aber ich lasse es jetzt stehen, nur einmal, nur zu Demonstrationszwecken.
Also, ich mein’ ja nur: Die Evidenz geht in eine klarere Richtung. Oder auch nicht, was weiß ich – ich muss jetzt jedenfalls mal ins Bett oder sofort sterben.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Badezimmerboden. Den Laptop habe ich auf dem kleinen Hocker platziert, das große Handtuch habe ich um die Beine geschlungen. Ich atme auf. Jedoch zu früh. Mein Blick fällt zur Tür und das Herz macht einen Sprung, denn der Plan – mein genialer Plan – hat einen Haken: zwischen Tür und Boden gibt es einen Spalt. Wäre dies ein Film, gäbe es jetzt einen Zoom auf die Augen der Autorin, der Blick huscht in raschem Tempo von links nach rechts (Tatort Intro, Sekunde 2-6). Ab jetzt behalte ich den Spalt im Auge, lasse ihn keine zwei Sekunden unbeobachtet.
Im Laufe der letzten Sätze habe ich den Plan erweitert, den nächsten Schritt vorweggenommen, das “Was mache ich, falls…?” beantwortet. Falls die Kakerlake (oder was auch immer das für ein Viech ist) durch den Spalt ins Badezimmer gekrabbelt kommt, werde ich auf- und in die Dusche hinter mir springen. Ich werde the Viech von meiner letzten Bastion hinter dem Duschglas aus beobachten. Sollte es sich auf mich zubewegen, werde ich die Schockstarre überwinden und mich zu einer von zwei Varianten durchringen müssen.
Variante I: Das Handtuch, das ich soeben in weiser Voraussicht in die Dusche gelegt habe, auf the Viech schmeißen und im schnellsten Sprint meines Lebens aus dem Bad fliehen. Sollte ich es dabei nicht schaffen, Laptop und Handy mitzunehmen, täte mir das sehr leid – nicht nur wäre es ein schmerzlicher Verlust, denn ich könnte nicht weiterschreiben und wäre ganz allein mit meiner Angst. Ich müsste auch beide Geräte am nächsten Morgen irgendwie aus dem verseuchten Bad bergen. Dafür mache ich aber jetzt noch keinen Plan – man soll den Teufel schließlich nicht an die Wand malen.
Variante II: Klamotten vom Leib reißen und Wasser an.
Ok, ich habe das gerade gegoogelt: Kakerlaken mögen feuchte Orte, lehnen aber stark fließendes Wasser ab. Ich weiß nicht, wie sehr die Betonung auf stark liegt. Um auf Nummer sicher zu gehen (und um keine andere Nummer geht es hier), müsste ich wohl voll aufdrehen. Variante I ist klar die präferierte. Sollte the Viech anfangen, sich schnell und unkontrolliert zu bewegen oder gar aufzufliegen (Hintergrundmusik: Schreie), bliebe mir jedoch keine Zeit für die Handtuchvariante. Aber ich bin ehrlich: Wahrscheinlicher ist, dass ich mich in diesem Fall in die hintere Ecke der Dusche kauern, die Augen schließen, die Hände über die Ohren schlagen und mich hin und her wiegen würde. Sollte mich the Viech berühren, wäre ich auf der Stelle tot. Sollte es mich nicht berühren, wäre ich in einer noch verzwickteren Situation und eigentlich lieber tot.
Wie bin ich in diese missliche Lage geraten? Das kam so:
Ich befinde mich auf Dienstreise (schon wieder – my life is a Dienstreis) und sollte mir, wie alle Menschen ohne professoralen Status, das Zimmer teilen. Es sind hier nämlich, entgegen der allgemeinen Annahme (ehrlich gesagt: keine Ahnung, was irgendwer annimmt, vermutlich gar nichts), alle sehr darauf bedacht, die Steuergelder der hochverehrten Leserschaft nicht mit beiden Händen zu verprassen. Das finde ich gut und richtig und eine absolute Scheiße, wenn die Zimmer nicht einmal getrennte Betten haben. Meine designierte Zimmergenossin nahm jedoch die moralische Schuld auf sich und fragte höflich an, ob es nicht doch eventuell möglich wäre und so weiter – sie sei nämlich eine sehr bewegungsfreudige Schläferin. Der Wunsch wurde gewährt und bis vor vier Stunden war ich sehr glücklich darüber. Bougie wie ich bin, durfte ich sogar das Doppelzimmer behalten.
Nun ist es aber so, dass ich das Zimmer natürlich, selbstverständlich, um alles in der Welt lieber mit der wunderbaren, tatkräftigen Kollegin geteilt hätte als mit the Viech. Die Kollegin hätte ganz bestimmt eine der vielen, von H am Telefon vorgeschlagenen Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen umsetzen können, zu denen ich leider nicht in der Lage war und bin. Ich sehe sie vor mir, wie sie sich in einem heroischen Akt der Selbstaufopferung the Viech nähert und es mit einem Schuh/Handtuch/Buch erschlägt. Selbst wenn the Viech dabei auf den Boden und ihr direkt vor die Füße gefallen wäre, hätte sie nur kurz aufgeschrien und es dann kräftig aufstampfend erledigt.
Stattdessen lag ich mit angezogenen Beinen im Bett und beobachtete, wie the Viech allzu aktiv um die Lampe herumkrabbelte. Die Lampe befand sich zum Glück an der gegenüberliegenden Wand, einige Meter entfernt, sodass ich keine unmittelbaren Maßnahmen (schreien? flüchten? keine Ahnung!) einleiten musste. Kaum hatte ich das Telefonat mit H beendet, begann the Viech jedoch, sich langsam an der Decke entlang Richtung Bett zu bewegen. Kurz bevor es sich über meinen Füßen befand, tat ich das einzige, das mir in diesem Moment einfiel, löschte das Licht und versteckte mich unter der Decke, damit es mich auf gar keinen Fall berühren konnte (wir erinnern uns: instant death). Auch wenn die Situation unter der Decke zunächst relativ sicher schien, spitzte sie sich innerhalb weniger Minuten zu. Unter einer eng umschlungenen Decke wird es nämlich ziemlich schnell unerträglich heiß und stickig. Nun war es aber auch nicht möglich, die Ausgangssituation wiederherzustellen: Licht an, Decke weg, Augen auf – the Viech direkt über/hinter/neben mir! Nein. Nein, das konnte ich nicht.
Notabene: Ich bin mir der Absurdität und Infantilität meines Verhaltens durchaus bewusst. Hier, auf dem kalten Badezimmerboden sitzend, bekenne ich: Ich habe mich nicht immer rational verhalten.
Das einzige, was die Situation noch schlimmer hätte machen können, wäre, wenn es sich bei the Viech um eine Spinne oder eine amerikanische Kakerlake gehandelt hätte. Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Vermutlich instant death.
(Einmal bin ich einer amerikanischen Kakerlake sehr nah gekommen – diese Viecher sind wirklich das absolute Grauen. Es gibt viele Gründe, da drüben nicht leben zu wollen. Kakerlake: Top 1-3.)
Um eine lange Geschichte abzukürzen: Sauerstoffmangel führte zu Decke leicht anheben, führte zu Erleichterung, dass the Viech nicht direkt neben meinem Kopf sitzt, führte zu Decke höher anheben, führte zu Realisation, dass ich so niemals werde schlafen können, führte zu spontanem Fluchtplan, führte zu Sprint ins Bad, führte zu siehe oben.
Der Plan sah vor, dass ich mich im Bad kurz sammle und von dort dann die geordnete Rückkehr antrete. Ich stelle mir das so vor: Ich werde gleich aus dem Bad treten, das Licht anmachen und mich systematisch im Raum umschauen. Ich gehe davon aus, dass the Viech nicht zu sehen sein wird. In diesem Fall muss ich mir selbst gut zureden, dass es sehr, sehr unwahrscheinlich ist, dass sich the Viech in der Zwischenzeit in meine Decke gekuschelt hat. So etwas tun Kakerlaken nicht – das wäre völlig wider die Kakerlakennatur.
Im anderen Fall, dass sich the Viech immer noch an der Decke befindet, schlimmstenfalls direkt über dem Bett, bin ich erledigt. Ich werde dann ernsthaft in Betracht ziehen müssen, die ganze Nacht wach im Bad zu verbringen. Es ist schon 2 Uhr. Verdammte Scheiße, es ist schon 2 Uhr!
Eines will ich noch sagen. Ich habe die Angewohnheit, alles, was ich denke, tue und fühle in Frage zu stellen. Nicht auf eine oh-ich-bin-so-reflektiert-und-selbstkritisch-e Art und Weise, sondern auf eine oh-Gott-vielleicht-bilde-ich-mir-alles-nur-ein-und-tu-nur-so-um-mich-wichtig/interessant/wasweißich-zu-machen Art und Weise. Ich nehme daher für mich als positiven Aspekt aus dem heutigen Abend mit, dass ich mir jetzt recht sicher sein kann, dass ich tatsächlich eine ausgewachsene Phobie habe. Na ja, Phobie ist ein starkes Wort und man soll nicht alles pathologisieren und ich habe in der Regel keinerlei Einschränkungen im Alltag (außer, dass ich in der Burg kein Fahrrad mehr fahre, weil ich zu viele schlechte Erfahrungen mit Spinnen gemacht habe, Spinnen überall, ich hasse hasse hasse die Spinnen in der Burg) und es ist ja durchaus nicht ausgeschlossen, dass ich das alles nur gemacht habe, um diesen Text zu schreiben, was für sich genommen auch schon wieder ein wenig komisch wäre, aber na ja, so bin ich eben, muss mich immer hervortun und auch dieser Satz ist wieder nur Ausdruck davon und dieser und dieser und eigentlich müsste ich das löschen, aber ich lasse es jetzt stehen, nur einmal, nur zu Demonstrationszwecken.
Also, ich mein’ ja nur: Die Evidenz geht in eine klarere Richtung. Oder auch nicht, was weiß ich – ich muss jetzt jedenfalls mal ins Bett oder sofort sterben.
pancreases | 16. Oktober 26 | 0 Kommentare
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Ich bin dieses Jahr ungebührlich oft verreist.
Eine sehr gute Idee. Im Urlaub ist nicht alles besser – man nimmt sich ja immer selbst mit, wie man so schön sagt – aber vieles eben schon: keine Arbeit, weniger Angst.
Warum also dieser blöde Satz?
Zwei Tage nach unserer Rückkehr klingelt mein Handy. Ich stehe gerade in der Küche, das Handy liegt auf dem Sofa. Als ich herantrete und sehe, dass “Mutter Neue Nr” auf dem Display steht, drehe ich mich reflexartig wieder um. Aber dann denke ich ach komm, das ist doch jetzt auch dumm und gehe ran.
[Das Arschloch in der folgenden Geschichte bin übrigens ich.]
“Hallo, ich wollt’ nur mal hören, wie’s euch so geht, was ihr so treibt.”
Ich sage nichts.
“Und mich bedanken, gell. B sagt, er hat sich schon fünf mal bedankt, aber trotzdem.”
“Ja”, brumme ich und hoffe, dass das Thema (ich unterstütze meinen Bruder, der gerade seine Ausbildung begonnen hat, mit ein bisschen Geld pro Monat) damit erledigt ist.
“Bei euch alles gut?”
“Ja.”
Kurz erwäge ich, es dabei zu belassen und das Gespräch abzuwürgen. Aber ich bin ja jetzt erwachsen und es ist auch gar nicht mehr so schlimm, mit der Mutter zu sprechen.
“Wir waren gerade im Urlaub”, füge ich deshalb hinzu.
“Ach so, echt, klasse, wo wart ihr denn?”
“Rundreise in Italien”, sage ich. In meinen Ohren klinge ich fast fröhlich. H sieht das jedoch anders. Als ich seinem Blick begegne, macht er eine Geste, die mir bedeuten soll, dass der Tonfall noch zu ruppig und ablehnend sei. H hat allerdings keine Ahnung. Außerdem bekommt die Mutter von Stimmen und dergleichen genau gar nichts mit, was für H jedoch keine Rolle zu spielen scheint. Ich verdrehe gespielt die Augen und versuche mir mehr Mühe zu geben, ohne jedoch recht zu wissen, wie.
Die Mutter stellt Fragen, primär zur Logistik des Urlaubs. Ich antworte in Ein- bis Dreiwortsätzen.
“Wie läuft’s bei B.”, frage ich schließlich.
“Och, ganz gut eigentlich”, sagt die Mutter und fängt an, zu erzählen. Ich bin interessiert, das bin ich wirklich. Trotzdem passiert, was immer passiert, und ich höre nach ein paar Sätzen nicht mehr richtig zu. Halb bekomme ich mit, dass es da einen Italiener (ausgerechnet) im Unternehmen gebe, der ein Arsch sei und gerne die Azubis piesacke, aber davon abgesehen alles super laufe. Es folgen Geschichten, die diese Behauptungen belegen.
Ich tigere derweil durch die Wohnung, verstelle Sachen in der Küche, lege mich aufs Sofa, starre aus dem Fenster, stelle die Sachen zurück, sage “mhm”.
Eine der Geschichten dreht sich schließlich darum, dass die Rentenversicherung B.s Nachnamen zweimal falsch geschrieben hat. Es ist auch ein quatschiger Nachname. Die Mutter leitet nahtlos zu R über, von dem der quatschige Nachname nämlich stammt und der nun seit Juni Rente bekommt.
Aha, seit Juni schon – mir wird mal wieder gar nichts erzählt.
Ich habe kaum Zeit, mir der Absurdität dieses Gedankens bewusst zu werden, da ist der Redestrom schon weitergeflossen.
“Er arbeitet jetzt praktisch genau gleich viel und bekommt sein Gehalt plus die Rente. Da haben wir uns im Frühjahr also umsonst Gedanken gemacht, dass er weniger bekommen würde.”
“Wieso sollte er weniger bekommen? Er bekommt jetzt also mehr als vorher.”
“Ei ja. Wir schwimmen jetzt auch nicht im Geld, gell. Das soll man ja auch nicht, das verdirbt den Charakter.” Sie lacht. Ich stutze. Ach echt?
“Aber es ist jetzt mal endlich so, sag ich mal, dass man abends nicht mehr wachliegen muss.”
“Mhm.”
“Das ist die Drüse”, sagt die Mutter.
“Hallo”, höre ich es im Hintergrund sagen.
“Hallo vom R.”
“Hallo”, sage ich. H ist schon vor längerer Zeit unter die Dusche verschwunden und kann mich nicht hören.
“Die Drüse war gerade im Urlaub”, erzählt die Mutter und es folgt eine kurze Zusammenfassung der Eckdaten, die ich durchgegeben hatte – allerdings unter Auslassung der wichtigsten Details, wie sich nun herausstellt.
“Wo in Italien?”
“In der Toskana.”
“Da sind sie mit dem Auto hingefahren”, stellt R fest.
“Nein, wir sind geflogen”, widerspreche ich.
“Nein, sie sind geflogen”, sagt die Mutter.
“Geflogen. Ok.” R zieht das “Ok” vor Staunen in die Länge.
“Und dann von dort einen Mietwagen genommen”, diktiere ich schnell weiter.
“Und dann dort mit dem Mietwagen weiter.”
“Also sie sind mit einem Mietwagen in die Toskana gefahren.”
Die Mutter stöhnt und wiederholt noch einmal die Abfolge der Transportmittel, während ich mit dem Kopf gegen ein Kissen schlage.
R fragt, ob Autofahren nicht günstiger gewesen wäre als Fliegen.
“Ach, das weiß ich nicht”, sagt die Mutter. “Bei den Spritpreisen.”
“Frag sie mal, wie viel der Mietwagen gekostet hat.”
“Weiß ich nicht, muss ich nachschauen.”
“Weiß sie nicht, muss sie nachschauen.”
“Ok.”
Ich schaue nach und bekomme dabei die nächsten Sätze nicht mit.
Als ich wieder zuhöre, sagt die Mutter: “Maut?”
“Was?”
“R will wissen, was die Maut gekostet hat. Typisch LKW-Fahrer.”
“Das weiß ich nicht.”
“Das weiß sie auch nicht.”
“Ok.”
“Das Auto hat 780 € gekostet. Für zwei Wochen. Für vier Personen.”
Die Mutter gibt die Information weiter. R wiederholt die Zahl und setzt ein sehr langgezogenes “ok” dahinter.
“Ahja, dann hat das Auto also mit Maut und Sprit – sagen wir mal – 2000 € gekostet”, rechnet er aus.
“Quatsch.”
“Nee, so viel doch nicht”, sagt die Mutter gleichzeitig. “Typisch LKW-Fahrer.”
Ich warte auf die Frage nach der Gesamtrechnung. Die bleibt aus. Stattdessen vermutet die Mutter, dass die Unterkünfte bestimmt sehr günstig gewesen seien.
Ich überlege kurz und entscheide mich dann für: “Ja.”
Ich bin dieses Jahr ungebührlich oft verreist. Und Geld hat es gekostet – viel Geld. Und ich hasse den Anfang dieser Geschichte.
Eine sehr gute Idee. Im Urlaub ist nicht alles besser – man nimmt sich ja immer selbst mit, wie man so schön sagt – aber vieles eben schon: keine Arbeit, weniger Angst.
Warum also dieser blöde Satz?
Zwei Tage nach unserer Rückkehr klingelt mein Handy. Ich stehe gerade in der Küche, das Handy liegt auf dem Sofa. Als ich herantrete und sehe, dass “Mutter Neue Nr” auf dem Display steht, drehe ich mich reflexartig wieder um. Aber dann denke ich ach komm, das ist doch jetzt auch dumm und gehe ran.
[Das Arschloch in der folgenden Geschichte bin übrigens ich.]
“Hallo, ich wollt’ nur mal hören, wie’s euch so geht, was ihr so treibt.”
Ich sage nichts.
“Und mich bedanken, gell. B sagt, er hat sich schon fünf mal bedankt, aber trotzdem.”
“Ja”, brumme ich und hoffe, dass das Thema (ich unterstütze meinen Bruder, der gerade seine Ausbildung begonnen hat, mit ein bisschen Geld pro Monat) damit erledigt ist.
“Bei euch alles gut?”
“Ja.”
Kurz erwäge ich, es dabei zu belassen und das Gespräch abzuwürgen. Aber ich bin ja jetzt erwachsen und es ist auch gar nicht mehr so schlimm, mit der Mutter zu sprechen.
“Wir waren gerade im Urlaub”, füge ich deshalb hinzu.
“Ach so, echt, klasse, wo wart ihr denn?”
“Rundreise in Italien”, sage ich. In meinen Ohren klinge ich fast fröhlich. H sieht das jedoch anders. Als ich seinem Blick begegne, macht er eine Geste, die mir bedeuten soll, dass der Tonfall noch zu ruppig und ablehnend sei. H hat allerdings keine Ahnung. Außerdem bekommt die Mutter von Stimmen und dergleichen genau gar nichts mit, was für H jedoch keine Rolle zu spielen scheint. Ich verdrehe gespielt die Augen und versuche mir mehr Mühe zu geben, ohne jedoch recht zu wissen, wie.
Die Mutter stellt Fragen, primär zur Logistik des Urlaubs. Ich antworte in Ein- bis Dreiwortsätzen.
“Wie läuft’s bei B.”, frage ich schließlich.
“Och, ganz gut eigentlich”, sagt die Mutter und fängt an, zu erzählen. Ich bin interessiert, das bin ich wirklich. Trotzdem passiert, was immer passiert, und ich höre nach ein paar Sätzen nicht mehr richtig zu. Halb bekomme ich mit, dass es da einen Italiener (ausgerechnet) im Unternehmen gebe, der ein Arsch sei und gerne die Azubis piesacke, aber davon abgesehen alles super laufe. Es folgen Geschichten, die diese Behauptungen belegen.
Ich tigere derweil durch die Wohnung, verstelle Sachen in der Küche, lege mich aufs Sofa, starre aus dem Fenster, stelle die Sachen zurück, sage “mhm”.
Eine der Geschichten dreht sich schließlich darum, dass die Rentenversicherung B.s Nachnamen zweimal falsch geschrieben hat. Es ist auch ein quatschiger Nachname. Die Mutter leitet nahtlos zu R über, von dem der quatschige Nachname nämlich stammt und der nun seit Juni Rente bekommt.
Aha, seit Juni schon – mir wird mal wieder gar nichts erzählt.
Ich habe kaum Zeit, mir der Absurdität dieses Gedankens bewusst zu werden, da ist der Redestrom schon weitergeflossen.
“Er arbeitet jetzt praktisch genau gleich viel und bekommt sein Gehalt plus die Rente. Da haben wir uns im Frühjahr also umsonst Gedanken gemacht, dass er weniger bekommen würde.”
“Wieso sollte er weniger bekommen? Er bekommt jetzt also mehr als vorher.”
“Ei ja. Wir schwimmen jetzt auch nicht im Geld, gell. Das soll man ja auch nicht, das verdirbt den Charakter.” Sie lacht. Ich stutze. Ach echt?
“Aber es ist jetzt mal endlich so, sag ich mal, dass man abends nicht mehr wachliegen muss.”
“Mhm.”
“Das ist die Drüse”, sagt die Mutter.
“Hallo”, höre ich es im Hintergrund sagen.
“Hallo vom R.”
“Hallo”, sage ich. H ist schon vor längerer Zeit unter die Dusche verschwunden und kann mich nicht hören.
“Die Drüse war gerade im Urlaub”, erzählt die Mutter und es folgt eine kurze Zusammenfassung der Eckdaten, die ich durchgegeben hatte – allerdings unter Auslassung der wichtigsten Details, wie sich nun herausstellt.
“Wo in Italien?”
“In der Toskana.”
“Da sind sie mit dem Auto hingefahren”, stellt R fest.
“Nein, wir sind geflogen”, widerspreche ich.
“Nein, sie sind geflogen”, sagt die Mutter.
“Geflogen. Ok.” R zieht das “Ok” vor Staunen in die Länge.
“Und dann von dort einen Mietwagen genommen”, diktiere ich schnell weiter.
“Und dann dort mit dem Mietwagen weiter.”
“Also sie sind mit einem Mietwagen in die Toskana gefahren.”
Die Mutter stöhnt und wiederholt noch einmal die Abfolge der Transportmittel, während ich mit dem Kopf gegen ein Kissen schlage.
R fragt, ob Autofahren nicht günstiger gewesen wäre als Fliegen.
“Ach, das weiß ich nicht”, sagt die Mutter. “Bei den Spritpreisen.”
“Frag sie mal, wie viel der Mietwagen gekostet hat.”
“Weiß ich nicht, muss ich nachschauen.”
“Weiß sie nicht, muss sie nachschauen.”
“Ok.”
Ich schaue nach und bekomme dabei die nächsten Sätze nicht mit.
Als ich wieder zuhöre, sagt die Mutter: “Maut?”
“Was?”
“R will wissen, was die Maut gekostet hat. Typisch LKW-Fahrer.”
“Das weiß ich nicht.”
“Das weiß sie auch nicht.”
“Ok.”
“Das Auto hat 780 € gekostet. Für zwei Wochen. Für vier Personen.”
Die Mutter gibt die Information weiter. R wiederholt die Zahl und setzt ein sehr langgezogenes “ok” dahinter.
“Ahja, dann hat das Auto also mit Maut und Sprit – sagen wir mal – 2000 € gekostet”, rechnet er aus.
“Quatsch.”
“Nee, so viel doch nicht”, sagt die Mutter gleichzeitig. “Typisch LKW-Fahrer.”
Ich warte auf die Frage nach der Gesamtrechnung. Die bleibt aus. Stattdessen vermutet die Mutter, dass die Unterkünfte bestimmt sehr günstig gewesen seien.
Ich überlege kurz und entscheide mich dann für: “Ja.”
Ich bin dieses Jahr ungebührlich oft verreist. Und Geld hat es gekostet – viel Geld. Und ich hasse den Anfang dieser Geschichte.
pancreases | 05. Oktober 26 | 0 Kommentare
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Nach kurzer Nacht mit Ich-will-nicht-Intermezzo an einem Sonntag um 5:15 Uhr aufstehen, in den Zug steigen und auf dem Weg die Absage des Reisegefährten entgegennehmen, der die Chose erträglich machen sollte. Beim Zwischenstopp in der Furt D-Mann und Sternchen im Café treffen. Dabei erfahren, dass sich die postpartale Depression nicht etwa langsam verflüchtigt, sondern im Gegenteil. Zwei Stunden lang mit der Hoffnungslosigkeit diskutieren, Handlungsmöglichkeiten erörtern, die eigenen Tränen zurückhalten und sich mit bangem Gefühl verabschieden. Noch mal drei Stunden Zug fahren. Beim Ausstieg die Ehemalige treffen und sie während der einstündigen Busfahrt über die Grenze von ihren neuen Abenteuern erzählen lassen: vier Konferenzen in fünf Wochen, Lehre, Studien, erste Antragspläne. Beim Abendessen eine nicht sehr überzeugende Stellungnahme zur eigenen Zukunft abgeben und dabei verlogen mit den Schultern zucken, als würde einen die Plan- und Perspektivlosigkeit nicht tangieren. Um 19:00 Uhr die Weiterfahrt zum Hotel antreten. Vierzig Minuten lang vergeblich auf den Bus warten, weil das Schild, das über den Ausfall der Haltestelle informiert, in einer fremden Sprache verfasst ist. Immer wieder “ich bin sehr müde” ins Handy murmeln und von H. aufmunternde Worte entgegnen lassen. An der richtigen Haltestelle warten. In den Bus einsteigen und wieder Hoffnung schöpfen. Sich nicht dadurch aus der Bahn werfen lassen, dass der Bus jeden Halt in Übereinstimmung mit Google Maps ansteuert, bloß nicht den eigenen. An einer Schnellstraße entlang zum Hotel laufen. Das Stirnrunzeln der Rezeptionistin stoisch aushalten und ihr die Reservierung zeigen. Die Information einsickern lassen, dass sich ein Hotel mit gleichem Namen am anderen Ende der Stadt befindet. Zwanzig Minuten lang auf den Bus warten und dabei völlig aus der Bahn geworfen sein. “Ich bin sehr müde” ins Handy weinen. Um 21:45 Uhr im richtigen Hotel ankommen und während des zehnminütigen Telefonats des Rezeptionisten apathisch auf den Boden starren. Im Bett das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt googeln.
pancreases | 07. September 26 | 0 Kommentare
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