Freitag, 24. Juli 2026
Im ständigen Wechsel und Wankelmut ist das Glück aber auch nicht zu finden. Wenn ich ehrlich darüber nachdenke, was mich froh macht und die Langeweile vertreibt, hat es immer damit zu tun, eine Verbindung zu anderen Lebewesen herzustellen. Sei es ganz direkt im Gespräch, beim Spielen, Füttern, Streicheln, Kuscheln, Zuhören, Beobachten, Necken und zusammen Lachen. Oder indirekt beim Schreiben, Lesen, Podcast hören. Sich mitteilen und mitgeteilt bekommen.

Das Home Office in Kombinaton mit der Burg, in der ich niemanden habe, tut mir nicht gut. Selbst die Krähen kommen mir hier unnahbarer vor, aber das ist wahrscheinlich bloß Projektion. Und wenn ich Home Office und Burg verlasse, macht mich das auch nicht glücklich, denn es ist immer mit einer irrsinnig ermüdenden Kraftanstrengung verbunden. Was ich wirklich will im Leben, ist nach Hause, und gerade weiß ich weniger denn je, wo das ist.

Ich bin froh, dass wir jetzt über den Rückzug nach Furt sprechen, als sei es fast schon abgemachte Sache. Ein wenig Sorge habe ich bloß, dass die Realität enttäuschen wird. Schließlich war ich doch vor zwei Jahren auch nicht glücklicher? Oder habe dem Herrgott jeden Tag für all die Herrlichkeit gedankt? Aber man weiß ja oft erst hinterher, was man hatte.




Donnerstag, 23. Juli 2026
Nicht auf das Wort „Tortenring“ gekommen. Finde meinen Alternativbegriff „Kuchenkorsett“ aber eh viel besser.
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Berufe, die ich gerne mal ausprobieren würde (Auswahl):
– Archäologischer Grabungshelfer
– Falkner
– Restaurateur
– Straßenreiniger
– Investigativjournalist
– Filmeditor

Es ist sehr unbefriedigend, immer nur sagen zu können, was einem alles nicht gefällt, aber auf die Frage, was man stattdessen lieber machen würde, keine Antwort zu haben. Ich war deshalb richtig erleichtert, als es mir letzte Woche wie Schuppen von den Augen fiel: Mein Traum wäre es, wenn ich eben nicht die eine Sache machen müsste. Alle ein bis fünf Jahre was Neues – das wär’s! So halte ich es ja auch mit meinen Hobbies. Oder mit dem Essen: Ich bin ganz stark dafür, dass sämtliche Küchen das Prinzip Tapas übernehmen. Drei bis fünf Gabeln von einem Gericht und dann das nächste, bitte!

Leider bin ich kein bisschen mutig. Und die Hürden für ständige Berufswechsel scheinen mir doch extrem hoch. Es ist also bloß eine Scheinlösung, ein Gedankenspiel, in das man sich hineinträumen kann. Nur um dann die Achseln zu zucken und leiderleider zu murmeln. Leiderleider nicht möglich. Leiderleider nicht gesellschaftsfähig.

Schadeschade.




Mittwoch, 22. Juli 2026
Jede Stunde einmal aufgewacht, dazwischen wirre Träume. Nur an den letzten kann ich mich noch erinnern. Ich hatte plötzlich (das heißt, ohne dass ich mich an die Geburt erinnern konnte – es war aber definitiv meins) ein Baby, circa zehn bis zwanzig Tage alt, so genau wusste ich das nicht. Ich kümmerte mich darum, so gut ich konnte, also nicht besonders gut. Mir fiel auf, dass es stank – was auch kein Wunder war, da ich schon lange vergaß, es zu wickeln. Die nächste Beschämung traf mit DeMann und Sternchen ein, die völlig perplex waren, schließlich hatte ich immer behauptet, dass ich kein Kind bekommen würde. Nun war ich schon seit schätzungsweise zwei Wochen Mutter und hatte ihnen nichts davon erzählt. Dabei konnten unsere Kinder nun zusammen aufwachsen, war das nicht toll? Ihr Kind und mein Kind. Mein Kind mit dem Namen…bestürzt stellte ich fest, dass ich den Namen nicht mehr wusste. Noch gestern hatte ich ihn sicher gewusst! Wie konnte man so etwas über Nacht vergessen? “Jasper”, riet ich, wenig überzeugt. Nun eben Jasper. [1]
Weitere Erinnerungslücken taten sich auf: Wer war der Vater? H. war es leider nicht, auch wenn er das dachte. Verschwommene Bilder von irgendeinem Typen, einer Nacht, die absolut vergessenswürdig und doch folgenschwer gewesen war. Ich stellte Kalkulationen an: Wie wahrscheinlich, dass H. es je herausfand? Wie schwerwiegend, falls er es herausfand? Beklommen dachte ich an DNA-Tests, 23andMe, Erbkrankheiten. Und entschied mich trotzdem – na klar, das stand von vornherein fest – für ein Leben in Lüge.
Der Traum endete, als ich das schlafende stinkende Baby anschaute, das jetzt Jasper hieß, aber auch irgendeinen anderen Namen hätte haben können. Irgendeine andere Mutter. Ich schaute es an und fühlte: nichts. Nada. Richtig ist das nicht, dachte ich. So soll das nicht sein.

Als Sternchen noch schwanger war, träumte ich, dass auch ich schwanger sei. Wir waren zur gleichen Zeit im Krankenhaus, teilten ein Zimmer. Auch in diesem Traum der Gedanke: Nun können unsere Kinder zusammen aufwachsen. Gleichzeitig unendliche Panik vor der Geburt. Sternchen musste zuerst durch. Da werde ich sehen, dass es gar nicht so schlimm ist, dachte ich. Das wird mich beruhigen und dann schaffe ich das auch. Als ich Sternchen am nächsten Tag wiedersah, sah sie aus wie eine Leiche: ganz grau und eingefallen. Wie es gewesen sei, fragte ich. Sehr, sehr schlimm, sagte sie.

Alle, alle, alle haben ja jetzt ein Kind oder werden in den nächsten Jahren eins bekommen. Ich habe in meinem Leben schon öfter Stationen ausgelassen, nicht gemacht, was alle gemacht haben. Tanzkurs in der Mittelstufe. Führerschein mit 18. Freunde haben und Party machen. Heiraten. Und jetzt eben: Kind. Manchmal schaue ich mich schon um und denke: Ist das richtig so? Bin ich falsch? Die Träume scheinen eine Antwort zu suchen. Und die Antwort scheint eindeutig zu sein. Bisher bin ich noch jedes Mal erleichtert aufgewacht.

Am Abend DeMann, Sternchen und das himmlische Kind besucht. Es lacht jetzt. Ich auch.

[1] Der Name “Jasper” fiel meinem Traumgedächtnis nur deshalb ein, weil mich H. gestern Abend herausforderte, den Namen des neugeborenen Sohnemanns von Bekannten zu erraten. Dank meiner überragenden Menschenkenntnis lag ich mit “Jasper Heinrich” nur knapp daneben.





Dienstag, 21. Juli 2026
Weiß nicht, was mich geritten hat. Wieso sollte ich die Tristesse des Alltags auch noch aufschreiben wollen? Ich habe noch nie gerne berichtet, wie mein Tag war. Ich musste ihn ja gerade erst durchleben, und ja: er war wieder ausgesprochen langweilig. Mich beschleicht der Verdacht, dass ich gestern einfach nur das Zubettgehen prokrastiniert habe. Dabei war ich wirklich müde. Das ist so, wie wenn ich den Feierabend prokrastiniere. Was ich heute auch schon wieder getan habe. Um 17 Uhr beschlossen, dass ich jetzt aufhöre. Dann aber noch bis 19:30 Uhr gesessen, weil – keine Ahnung. Arsch nicht hochbekommen. Zu faul zum Aufstehen. Vielleicht gab's auch einfach zu wenig Grund zum Aufstehen. Abends wie morgens, morgens wie abends.

Zwei tote Tauben. Eine am linken Ende der Straße, eine am rechten. Eine überfahren, eine wie gegen das parkende Auto geflogen. Vielleicht ein Liebespaar. Gewesen.

Mit niemandem gesprochen, außer H. Hat mir heute nichts ausgemacht. Wenigstens war der Himmel blau statt trüb. Einsamkeit lässt sich bei Sonnenschein leichter ertragen.

Um 4:40 Uhr aufstehen und nach Furt fahren. Schaffe ich schon.
Und zwar so, wie alle alles schaffen: Weil muss halt.




Montag, 20. Juli 2026
Mal eine Woche Tagebuch. Wenn ich das für mich selbst mache, kommen dabei immer Hammersätze raus, richtig 1A Literatur. Ich hasse alles. Ich will nicht aufstehen. Hol mich hier raus. Sowas halt.

Ich muss mich beeilen, denn ich habe mir vorgenommen, früh ins Bett zu gehen. Um neun. Jetzt ist es vierzig nach neun, also zwanzig vor zehn, also leck mich am Arsch.
Sehr müde aufgewacht. Gestern Fußball geschaut, obwohl mich Fußball gar nicht interessiert (es war dann auch stinklangweilig). Brauchte eine Ausrede, um noch nicht ins Bett gehen zu müssen. Das Wochenende sollte noch nicht zu Ende sein. Bloß nicht Montag werden lassen. War leider schon Montag, als ich ins Bett ging.

Habe mir am Wochenende erstmals eingestanden, dass ich wahrscheinlich um die zehn Stunden Schlaf brauche. Wenigstens in einer Sache überdurchschnittlich.

Um sechs Uhr aufgewacht, liegen geblieben. Ich bin ja durchaus oft früh wach. Den Widerspruch zum vorherigen Absatz löse ich jetzt nicht auf.
Bin also Frühaufwacher, aber nicht Frühaufsteher. Begreife nicht, wie es Leute schaffen, aufzustehen und den Tag zu starten. Der Tag kann mich mal. Ich will ihn so lange wie möglich aufschieben.
GRM fertig gelesen. Dann noch mal Augen zugemacht und gehofft, dass es nie losgeht.

Arbeitstag damit begonnen, mich erst mal zu "organisieren". Hinhaltetaktik. Halbe Stunde in schlecht unterdrückter Ängstlichkeit verbracht. Mich dann endlich überwunden, den Anruf zu tätigen. Voicemail. Erleichterung. Schnell aufgelegt. Mich gesammelt. Wieder angerufen. Nachricht hinterlassen.

Fröhlich losgepowert. Aufgabe für diese Woche: PowerPoint. Vortrag vorbereiten. Verdammt viel Vergnügen (nicht). Wann war das, als man immer "nicht" am Satzende hinzugefügt hat? 2010, schätze ich.

Viertelstunde später: Rückruf. Ich mit sehr verstellter, sehr professioneller Stimme losgeredet, dabei innerlich mit mir geschimpft, was das für eine Fakestimme ist und ob ich nicht einfach mal ich selbst sein kann. Fünf Sätze später geklärt, dass ich mich nicht auf die Stelle bewerben brauche, auf die ich mich sowieso nicht richtig bewerben wollte. Weil mein Studienfach nicht explizit in der Ausschreibung steht. WTF, dann halt nicht.

Weiter PowerPoint. Mal schön die KI ersten Entwurf erstellen lassen. Entwurf leider mittelschlecht. Vor Langeweile fast zerflossen. Plötzlich war Mittag. Gelegenheit genutzt, um die Langeweile wenigstens kurz mit Essen zu bekämpfen. Schnell zum Supermarkt, Banane gekauft. Alles besser als weitersitzen. Dann zweieinhalb Stunden Meetings. Selbst Meetings besser als PowerPoint. Nur in der letzten halben Stunde zurück zu Slide 2 gesehnt. Es ging um Datenschutz.

Nach den Meetings gestaunt, wie wenig ich schon geschafft hatte. Praktisch nichts. Also erst mal andere Sachen erledigt. Am späten Nachmittag drehe ich oft auf. Eigentlich sollte ich erst um fünfzehn Uhr anfangen, zu arbeiten. Oder es braucht die vielen Stunden Leerlauf, bis die Machine anspringt, keine Ahnung, werde es nicht herausfinden.

Nachmittag damit verbracht, über anderer Leute Arbeit nachzudenken und mehr oder weniger hilfreiches Feedback zu geben. Gedanken unterdrückt, dass die Studie, die wir gerade planen, auch einfach komplett in die Hose gehen könnte. Frage untedrückt, ob das dann meine Schuld ist. Grimmig weiterkommentiert: was man wie wo besser.

Am Abend wieder der PowerPoint zugewandt. Plötzlich kam sie, die Motivation, die Inspiration. Da war es aber leider schon achtzehn Uhr. Früher hätte ich dann einfach bis spätabends weitergemacht, Schwung mitgenommen. Aber heute ist nicht früher.

Noch eine Stunde rumgebastelt, dann aufgehört, als H. nach Hause kam. Staub gewedelt, Bad geputzt, Böden gewischt. Hatte ich mir am Morgen spaßiger vorgestellt. Nach der Arbeit mal schön putzen. War dann doch unspaßig wie immer.
Kurz rausgegangen. Kleiner Spaziergang auf der immer gleichen Strecke. Man müsste bereits meine Gehrinne im Asphalt sehen. Fünftausend Schritte voll gemacht. Darf ich gar nicht drüber nachdenken. Am besten die Uhr wegschmeißen. Denke ich dann immer, aber mache es nie.

Essen und so weiter. Den ganzen Abend gedacht, dass ich mich heute endlich mal dehnen werde. Nicht gedehnt. Müde in den Sessel gesetzt. Ganz schlechte Idee, aus dem kommt man nicht mehr hoch.

Hier sitze ich noch und es ist gleich elf Uhr und ich hasse das. Will morgen nicht aufstehen. Das war Tag 1.