Montag, 5. Oktober 2026
Ich bin dieses Jahr ungebührlich oft verreist.

Eine sehr gute Idee. Im Urlaub ist nicht alles besser – man nimmt sich ja immer selbst mit, wie man so schön sagt – aber vieles eben schon: keine Arbeit, weniger Angst.
Warum also dieser blöde Satz?

Zwei Tage nach unserer Rückkehr klingelt mein Handy. Ich stehe gerade in der Küche, das Handy liegt auf dem Sofa. Als ich herantrete und sehe, dass “Mutter Neue Nr” auf dem Display steht, drehe ich mich reflexartig wieder um. Aber dann denke ich ach komm, das ist doch jetzt auch dumm und gehe ran.
[Das Arschloch in der folgenden Geschichte bin übrigens ich.]
“Hallo, ich wollt’ nur mal hören, wie’s euch so geht, was ihr so treibt.”
Ich sage nichts.
“Und mich bedanken, gell. B sagt, er hat sich schon fünf mal bedankt, aber trotzdem.”
“Ja”, brumme ich und hoffe, dass das Thema (ich unterstütze meinen Bruder, der gerade seine Ausbildung begonnen hat, mit ein bisschen Geld pro Monat) damit erledigt ist.
“Bei euch alles gut?”
“Ja.”
Kurz erwäge ich, es dabei zu belassen und das Gespräch abzuwürgen. Aber ich bin ja jetzt erwachsen und es ist auch gar nicht mehr so schlimm, mit der Mutter zu sprechen.
“Wir waren gerade im Urlaub”, füge ich deshalb hinzu.
“Ach so, echt, klasse, wo wart ihr denn?”
“Rundreise in Italien”, sage ich. In meinen Ohren klinge ich fast fröhlich. H sieht das jedoch anders. Als ich seinem Blick begegne, macht er eine Geste, die mir bedeuten soll, dass der Tonfall noch zu ruppig und ablehnend sei. H hat allerdings keine Ahnung. Außerdem bekommt die Mutter von Stimmen und dergleichen genau gar nichts mit, was für H jedoch keine Rolle zu spielen scheint. Ich verdrehe gespielt die Augen und versuche mir mehr Mühe zu geben, ohne jedoch recht zu wissen, wie.
Die Mutter stellt Fragen, primär zur Logistik des Urlaubs. Ich antworte in Ein- bis Dreiwortsätzen.
“Wie läuft’s bei B.”, frage ich schließlich.
“Och, ganz gut eigentlich”, sagt die Mutter und fängt an, zu erzählen. Ich bin interessiert, das bin ich wirklich. Trotzdem passiert, was immer passiert, und ich höre nach ein paar Sätzen nicht mehr richtig zu. Halb bekomme ich mit, dass es da einen Italiener (ausgerechnet) im Unternehmen gebe, der ein Arsch sei und gerne die Azubis piesacke, aber davon abgesehen alles super laufe. Es folgen Geschichten, die diese Behauptungen belegen.
Ich tigere derweil durch die Wohnung, verstelle Sachen in der Küche, lege mich aufs Sofa, starre aus dem Fenster, stelle die Sachen zurück, sage “mhm”.
Eine der Geschichten dreht sich schließlich darum, dass die Rentenversicherung B.s Nachnamen zweimal falsch geschrieben hat. Es ist auch ein quatschiger Nachname. Die Mutter leitet nahtlos zu R über, von dem der quatschige Nachname nämlich stammt und der nun seit Juni Rente bekommt.
Aha, seit Juni schon – mir wird mal wieder gar nichts erzählt.
Ich habe kaum Zeit, mir der Absurdität dieses Gedankens bewusst zu werden, da ist der Redestrom schon weitergeflossen.
“Er arbeitet jetzt praktisch genau gleich viel und bekommt sein Gehalt plus die Rente. Da haben wir uns im Frühjahr also umsonst Gedanken gemacht, dass er weniger bekommen würde.”
“Wieso sollte er weniger bekommen? Er bekommt jetzt also mehr als vorher.”
“Ei ja. Wir schwimmen jetzt auch nicht im Geld, gell. Das soll man ja auch nicht, das verdirbt den Charakter.” Sie lacht. Ich stutze. Ach echt?
“Aber es ist jetzt mal endlich so, sag ich mal, dass man abends nicht mehr wachliegen muss.”
“Mhm.”
“Das ist die Drüse”, sagt die Mutter.
“Hallo”, höre ich es im Hintergrund sagen.
“Hallo vom R.”
“Hallo”, sage ich. H ist schon vor längerer Zeit unter die Dusche verschwunden und kann mich nicht hören.
“Die Drüse war gerade im Urlaub”, erzählt die Mutter und es folgt eine kurze Zusammenfassung der Eckdaten, die ich durchgegeben hatte – allerdings unter Auslassung der wichtigsten Details, wie sich nun herausstellt.
“Wo in Italien?”
“In der Toskana.”
“Da sind sie mit dem Auto hingefahren”, stellt R fest.
“Nein, wir sind geflogen”, widerspreche ich.
“Nein, sie sind geflogen”, sagt die Mutter.
“Geflogen. Ok.” R zieht das “Ok” vor Staunen in die Länge.
“Und dann von dort einen Mietwagen genommen”, diktiere ich schnell weiter.
“Und dann dort mit dem Mietwagen weiter.”
“Also sie sind mit einem Mietwagen in die Toskana gefahren.”
Die Mutter stöhnt und wiederholt noch einmal die Abfolge der Transportmittel, während ich mit dem Kopf gegen ein Kissen schlage.
R fragt, ob Autofahren nicht günstiger gewesen wäre als Fliegen.
“Ach, das weiß ich nicht”, sagt die Mutter. “Bei den Spritpreisen.”
“Frag sie mal, wie viel der Mietwagen gekostet hat.”
“Weiß ich nicht, muss ich nachschauen.”
“Weiß sie nicht, muss sie nachschauen.”
“Ok.”
Ich schaue nach und bekomme dabei die nächsten Sätze nicht mit.
Als ich wieder zuhöre, sagt die Mutter: “Maut?”
“Was?”
“R will wissen, was die Maut gekostet hat. Typisch LKW-Fahrer.”
“Das weiß ich nicht.”
“Das weiß sie auch nicht.”
“Ok.”
“Das Auto hat 780 € gekostet. Für zwei Wochen. Für vier Personen.”
Die Mutter gibt die Information weiter. R wiederholt die Zahl und setzt ein sehr langgezogenes “ok” dahinter.
“Ahja, dann hat das Auto also mit Maut und Sprit – sagen wir mal – 2000 € gekostet”, rechnet er aus.
“Quatsch.”
“Nee, so viel doch nicht”, sagt die Mutter gleichzeitig. “Typisch LKW-Fahrer.”
Ich warte auf die Frage nach der Gesamtrechnung. Die bleibt aus. Stattdessen vermutet die Mutter, dass die Unterkünfte bestimmt sehr günstig gewesen seien.
Ich überlege kurz und entscheide mich dann für: “Ja.”

Ich bin dieses Jahr ungebührlich oft verreist. Und Geld hat es gekostet – viel Geld. Und ich hasse den Anfang dieser Geschichte.




Montag, 7. September 2026
Nach kurzer Nacht mit Ich-will-nicht-Intermezzo an einem Sonntag um 5:15 Uhr aufstehen, in den Zug steigen und auf dem Weg die Absage des Reisegefährten entgegennehmen, der die Chose erträglich machen sollte. Beim Zwischenstopp in der Furt D-Mann und Sternchen im Café treffen. Dabei erfahren, dass sich die postpartale Depression nicht etwa langsam verflüchtigt, sondern im Gegenteil. Zwei Stunden lang mit der Hoffnungslosigkeit diskutieren, Handlungsmöglichkeiten erörtern, die eigenen Tränen zurückhalten und sich mit bangem Gefühl verabschieden. Noch mal drei Stunden Zug fahren. Beim Ausstieg die Ehemalige treffen und sie während der einstündigen Busfahrt über die Grenze von ihren neuen Abenteuern erzählen lassen: vier Konferenzen in fünf Wochen, Lehre, Studien, erste Antragspläne. Beim Abendessen eine nicht sehr überzeugende Stellungnahme zur eigenen Zukunft abgeben und dabei verlogen mit den Schultern zucken, als würde einen die Plan- und Perspektivlosigkeit nicht tangieren. Um 19:00 Uhr die Weiterfahrt zum Hotel antreten. Vierzig Minuten lang vergeblich auf den Bus warten, weil das Schild, das über den Ausfall der Haltestelle informiert, in einer fremden Sprache verfasst ist. Immer wieder “ich bin sehr müde” ins Handy murmeln und von H. aufmunternde Worte entgegnen lassen. An der richtigen Haltestelle warten. In den Bus einsteigen und wieder Hoffnung schöpfen. Sich nicht dadurch aus der Bahn werfen lassen, dass der Bus jeden Halt in Übereinstimmung mit Google Maps ansteuert, bloß nicht den eigenen. An einer Schnellstraße entlang zum Hotel laufen. Das Stirnrunzeln der Rezeptionistin stoisch aushalten und ihr die Reservierung zeigen. Die Information einsickern lassen, dass sich ein Hotel mit gleichem Namen am anderen Ende der Stadt befindet. Zwanzig Minuten lang auf den Bus warten und dabei völlig aus der Bahn geworfen sein. “Ich bin sehr müde” ins Handy weinen. Um 21:45 Uhr im richtigen Hotel ankommen und während des zehnminütigen Telefonats des Rezeptionisten apathisch auf den Boden starren. Im Bett das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt googeln.




Sonntag, 30. August 2026
Es ist die Zeit des Luftanhaltens. Einen langen Atemzug lang durch und halten und irgendwann, irgendwann wird es durchgestanden oder werde ich ertrunken sein.

Im Aufwachen, noch bevor mein Denken einsetzt, weiß ich schon, es ist zu früh. Gestern war es zu früh. Auch vorgestern und das Gestern davor. Ebenso war es zu spät: vorgestern, gestern, heute, morgen. Die Nacht brennt von zwei Seiten. Ich versuche zu atmen, tief bis in die flaue Magengrube hinein, tief ins Herz des Unwohlseins. Der Brustkorb stemmt sich, hebt sich, flattert, sinkt. Auf halber Höhe gibt er auf.

Ich gehe spazieren. An meiner Seite trotten: flauer Magen, schwere Brust. Zwei treue Straßenköter. Ich bin zu schwach, sie wegzutreten, und nun habe ich mich schon an sie gewöhnt. Sie kreisen mit mir auf den immer gleichen Runden. Wir gehen über Brücken und denken an die Zukunft, zermartern uns das Hirn, das eine, und wenn wir auch von den Brücken wieder auf festen Boden treten, scheint die Lage doch weiterhin aussichtslos. Auf dem Rückweg denke ich nach über die Lage, der Magen wird flauer, die Brust wird schwerer, und ich denke, dass ich mich mehr anstrengen muss mit den Gedanken. Dass ich bessere Gedanken denken muss. Dass alles auf den richtigen Gedanken ankommt. Dass ich mich nicht so anstellen darf, nicht den flatternden, zitternden Gedanken auf den Leim gehen darf, dass ich den starken, mutigen, aufrechten Gedanken nachjagen muss. Aber auch dieser Gedanke ist falsch, natürlich, ganz falsch, wie auch sein Gegenteil falsch ist und alles immer falsch und fälscher wird, je länger wir darüber nachdenken. Es gibt kein richtiges Denken im Grübeln.

Die Tiefsee ist schwarz wie das All, bedrängt und bedrückt sitze ich am Staupunkt der Nacht. Ich lasse sie über und unter und durch mich strömen. Die Ohren rauschen, die Schädeldecke vibriert. Ich höre nach innen und merke dabei nicht, wie still es in Wahrheit geworden ist, eine ganze Weile fällt es mir nicht auf. Die Sekunden werden zu Minuten, überspringen die Stunden und Tage. Wochen später sitze ich noch immer hier, am Grund der Zeit. Stumm und starr harre ich aus.

Am Schreibtisch, tagein, tagaus. Ich will nach Hause, kritzle ich auf ein Stück Papier und lächle in die Kamera. Wieder und wieder fahre ich die Buchstaben nach. Ich ergänze ein Ausrufezeichen. Ich nicke. Gute Idee, sage ich. Toll gemacht. Ich danke dir. Meine Kachel zeigt einen fröhlichen, freundlichen Menschen. Ich kann den Blick nicht wenden von dieser Kachel, meiner Kachel, während der Stift blind über das Papier gleitet. Die Kacheln der anderen sind mir egal, sind ihre Pflicht und Attraktion. Und was können wir schon wissen über die Kacheln der anderen? Was ergründen von ihrem verschlossenen Ich?

Ich gehe zum Bäcker:
Was darf es sein?
Einmal den Kopf ab, bitte.
Bitte?
Und ein Brötchen.
Das haben wir nicht.
Kein Brötchen?
Kein Kopf ab.
Schade.
Zum Metzger.
Wie?
Zum Metzger müssen Sie gehen.
Das geht nicht.
Wie?
Die Metzger sind verschwunden. Dort, wo früher die Metzger waren, sind heute Bäcker wie Sie, und wo früher die Bäckereien waren, sind heute Bäckereien wie die Ihre. Außer Bäckern gibt es nichts mehr: Metzger nicht, Schuster nicht, Bürsten- und Kämmemacher nicht. Selbst die Bäcker, die es früher gab, gibt es nicht mehr. Bäcker wie mein Opa, wissen Sie.
Was macht Ihr Opa heute?
Mein Opa ist tot.
Oh.
Ja.
Hat Ihr Opa noch den Kopf abgemacht?
Ja.
Altes Handwerk.
Ja.
Ich bin gar kein Bäcker.
Wie?
Ich bin hier Verkäufer. Ich verkaufe die Ware. Die Ware wird geliefert. Ich backe sie auf.
Sie backen sie auf.
Ja.
Sie wird geliefert.
Ja.
Also ist es vergebens?
Sie müssen zum Metzger gehen.
Es gibt keine Metzger mehr.


Tausend Meilen über mir ist der Sommer vorübergezogen. Wütend ist er gewesen, eine Brandrede hat er gehalten. Seine Worte waren flammende Schwerter. Einmal löschte er die Sonne aus und schleuderte sie umso brutaler zurück in unseren Schoß. Noch auf dem Rückzug stößt er Drohungen aus. Auch ich bin zornentbrannt. Auch ich bin zurückgeworfen auf Elementares. Keine Sprache für uns Atemlose.




Freitag, 24. Juli 2026
Im ständigen Wechsel und Wankelmut ist das Glück aber auch nicht zu finden. Wenn ich ehrlich darüber nachdenke, was mich froh macht und die Langeweile vertreibt, hat es immer damit zu tun, eine Verbindung zu anderen Lebewesen herzustellen. Sei es ganz direkt im Gespräch, beim Spielen, Füttern, Streicheln, Kuscheln, Zuhören, Beobachten, Necken und zusammen Lachen. Oder indirekt beim Schreiben, Lesen, Podcast hören. Sich mitteilen und mitgeteilt bekommen.

Das Home Office in Kombinaton mit der Burg, in der ich niemanden habe, tut mir nicht gut. Selbst die Krähen kommen mir hier unnahbarer vor, aber das ist wahrscheinlich bloß Projektion. Und wenn ich Home Office und Burg verlasse, macht mich das auch nicht glücklich, denn es ist immer mit einer irrsinnig ermüdenden Kraftanstrengung verbunden. Was ich wirklich will im Leben, ist nach Hause, und gerade weiß ich weniger denn je, wo das ist.

Ich bin froh, dass wir jetzt über den Rückzug nach Furt sprechen, als sei es fast schon abgemachte Sache. Ein wenig Sorge habe ich bloß, dass die Realität enttäuschen wird. Schließlich war ich doch vor zwei Jahren auch nicht glücklicher? Oder habe dem Herrgott jeden Tag für all die Herrlichkeit gedankt? Aber man weiß ja oft erst hinterher, was man hatte.




Donnerstag, 23. Juli 2026
Nicht auf das Wort „Tortenring“ gekommen. Finde meinen Alternativbegriff „Kuchenkorsett“ aber eh viel besser.
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Berufe, die ich gerne mal ausprobieren würde (Auswahl):
– Archäologischer Grabungshelfer
– Falkner
– Restaurateur
– Straßenreiniger
– Investigativjournalist
– Filmeditor

Es ist sehr unbefriedigend, immer nur sagen zu können, was einem alles nicht gefällt, aber auf die Frage, was man stattdessen lieber machen würde, keine Antwort zu haben. Ich war deshalb richtig erleichtert, als es mir letzte Woche wie Schuppen von den Augen fiel: Mein Traum wäre es, wenn ich eben nicht die eine Sache machen müsste. Alle ein bis fünf Jahre was Neues – das wär’s! So halte ich es ja auch mit meinen Hobbies. Oder mit dem Essen: Ich bin ganz stark dafür, dass sämtliche Küchen das Prinzip Tapas übernehmen. Drei bis fünf Gabeln von einem Gericht und dann das nächste, bitte!

Leider bin ich kein bisschen mutig. Und die Hürden für ständige Berufswechsel scheinen mir doch extrem hoch. Es ist also bloß eine Scheinlösung, ein Gedankenspiel, in das man sich hineinträumen kann. Nur um dann die Achseln zu zucken und leiderleider zu murmeln. Leiderleider nicht möglich. Leiderleider nicht gesellschaftsfähig.

Schadeschade.