Sonntag, 17. Mai 2026
Ob andere Leute auch so hässliche Gedanken haben, frage ich mich gelegentlich, aber ich bin mir fast ganz sicher, dass H. nicht solche Gedanken über mich hat, wie ich sie über ihn öfter habe, und das trägt wohl dazu bei, dass H. insgesamt ein netterer, ausgeglichenerer, seelisch unbeschwerterer Mensch ist als ich. Ein Mensch, den die Menschen mögen - ganz besonders ich - ganz anders als mich - und das ganz zu Recht.

Als H. verkündete, er werde wohl krank, rümpfte ich innerlich die Nase. Schon wieder, dachte ich, und war ja klar und jetzt wird er sich schon wieder vorm Sport drücken. Ich schalt mich einen Unempathen und verbat mir weitere Gedanken in diese Richtung. Tags darauf war die Erkältung tatsächlich da und seine Nase lief ganz ungeniert. Am zweiten Tage, da sich bei mir immer noch keine Symptome regten und ich mich in Sicherheit wähnte, geriet ich abermals ins Denken, diesmal jedoch in einer weniger herabsetzenden als vielmehr mich selbst überhöhenden Weise, ja ich geriet geradezu ins Schwärmen. Sieh einmal an, dachte ich, meinen Körper haut so schnell nichts um. Ich werde nicht krank - wann war ich das letzte Mal krank? Ich erinnere mich schon gar nicht mehr, so lange muss das her sein. Jahre ist das her.

Der Kranke ist von jeher einem Werturteil ausgesetzt. Sein Zustand hat etwas Anrüchiges, Sündhaftes. Hat er die Krankheit nicht durch seine Laster selbst verschuldet? Ist sie nicht wenigstens Ausdruck einer schwächlichen Physis?
Zugleich ist der Kranke dem Leben ent- und dem Tod ein Stückchen nähergerückt. Er ist unangreifbar, erhaben. Sein Referenzrahmen ist nicht mehr der unsere: statt voll am Leben teilzunehmen, kommt er gerne ins Sinnieren, denn erstens hat er Zeit und zweitens ein Bein bereits im Jenseits.
Solcher und ähnlicher Blödsinn ist schon von weit klügeren Köpfen über den Kranken gedacht und geschrieben worden. Als eine, deren Vater sogar die heilige Krankheit hatte, würde man glauben, dass ich mit mehr Verstand oder - auch möglich - leicht verklärt auf die Sache blicken würde. Stattdessen, ach, nur der gleiche vormoderne Stuss in neuem Gewand.

H. ist ständig krank, während ich niemals krank bin, dachte ich mit nicht wenig Stolz, und sogleich hatte ich den Grund dafür ausgemacht. Nicht nur war mein Körper unkaputtbar, auch war ich ja diejenige, die dem Gospel der Zeit folgte: Sport und gesunde Ernährung. H. hingegen war ein ausgemachter Sünder und als solcher sühnte er. So die unbestechliche Logik.

Nur kam der dritte Tag, an dem ich einen unstillbaren Durst empfand. Erst abends ging mir auf, dass es sich um heraufziehende Halsschmerzen handeln könnte. Dadurch geriet meine innere Überzeugung jedoch nur kurz ins Wanken - zu tief der Glaube an die eigene Unbezwingbarkeit. Natürlich würde ich dieses kleine Ärgernis im Keim ersticken können. Am nächsten Tag trank ich zwei Kannen Tee und da alles blieb, wie es war - wenn auch weiterhin mit Halsschmerzen, so doch wenigstens nicht mit schlimmeren - war ich mir des Sieges schon gewiss. Da sieht man's wieder, dachte ich, man muss sich nur einmal zusammenreißen.
Auch H. hätte das Virus in die Flucht schlagen können, hätte er sich nur ein wenig angestrengt. In mir war das strahlende Gegenbeispiel zu sehen: Schon das Konzept des Krankseins war unvereinbar mit meiner Gesamtkonstitution.

Dass ich, als sie tags darauf offen ausbrach, vor der Krankheit völlig einknickte, ist verständlich und mit nichts als Empathie zu begegnen, schließlich bin ich - anders als viele andere, H. eingeschlossen - das Kranksein nicht gewohnt. Noch während ich meine Gliederschmerzen beklagte und H. immer wieder laut jammernd an seine Fürsorgepflicht erinnerte, triumphierte ein kleiner Teil in mir: ein Tag Gliederschmerzen, höchstens zwei, dann war diese peinliche Episode auch schon ausgestanden. Mein Körper hielt sich nicht mit wochenlangen Erkältungssymptomen auf. Kein Geschniefe, kein Gehuste. Es war daher, so dachte ich still bei mir, auch nur recht, dass ich mich einmal - da mir das sonst nur alle paar Jubeljahre vergönnt war - so richtig Bejammern und Bemuttern ließ.

Der sechste Tag brachte unvorhergesehene Wendungen. Doch den Rest der Geschichte spare ich mir. Über die Kranken nur Gutes.