Sonntag, 1. November 2026
Wieder ein Jahr älter und wieder nicht weiser geworden.

Dachte ich, aber dann fiel mir ein, dass ich doch etwas gelernt habe – erst neulich, im Urlaub. Dort nahm ich mir (nicht zum ersten Mal natürlich), fest vor, meine Handyzeit zu reduzieren, und malte mir dafür alle möglichen Maßnahmen aus, die ich gleich ab morgen umsetzen wollte. Parallel las ich nachts um zwei weiter das Internet leer und installierte eine neue App, um es noch besser leer lesen zu können. In der App herrschte ein gewisser Alarmismus: viele Texte warnten davor, das Leben zu verschwenden, und boten jeder eine andere und doch irgendwie immer die gleiche Lebensphilosophie an, die darauf hinauslief verdammt noch mal jetzt endlich was zu TUN!
Jeder Text vertrat eine leicht andere Vorstellung davon, wie die Variable TUN zu besetzen sei, wobei es sich zu etwa gleichen Teilen zwischen irgendwas mit KI machen, Unternehmen gründen und Texte im Internet monetarisieren bewegte. Vielfach wurde das Venn-Diagramm dieser Themen auch gleich als Kreis gezeichnet.

Als ich schon kurz davor stand, Maßnahme Nummer 1 durchzuziehen – Handy erst mal weglegen und schlafen (jetzt-aber-wirklich™) –, fiel mir zwischen all den Texten eine kleine Perle in den Schoß. Ich setzte den Rat sofort um und erkannte, dass es sich hier um etwas wirklich Wertvolles handelte:

Imagine that you're breathing through your butt.


Seither laufe ich durch den Alltag – überquere eine Straße, grüße eine Kollegin, werfe eine Erdnuss vor die Taube – und wie aus heiterem Himmel fällt mir plötzlich ein: Arschatmung!

Anders als so viele andere Atem-Cues kann ich diesen sofort umsetzen. Dann ist es wie beim Yoga, wenn die freundliche Dehntante mitten in den dreifach überstreckten Hund hinein sagt: “Nicht das Gesicht anspannen, lass die Stirn ganz locker.”
Und man denkt: “Hä, was will sie mit der Stirn… oh!”
Und dann: “Woher wusste sie das? Nicht mal ich wusste das. Verbrennt die Hexe!”

Gerne hätte ich auch die Magen-Darm-Grippe weggeatmet, die mich am Nachmittag meines Geburtstages ereilte. Das wäre der ultimative Beweis für die spirituelle Kraft der Arschatmung gewesen und ich hätte mich fortan Guru Drüse genannt. Aber als ich mich so an den Baum lehnte, den Blickkontakt der Passanten mied, tief durchatmete und dann den Dingen ihren Lauf ließ, war das auch eine Art Kontaktaufnahme mit dem Kosmos. Danach fühlte ich mich besser. Und dann schlechter. Und dann richtig beschissen. Und dann wieder besser.
Und ich denke mal, das wird jetzt so weitergehen. Auf und ab, Arsch zusammenkneifen, Arsch locker machen. Atmen.