Ich muss feststellen, dass ich jeglichen Respekt verloren habe vor der Zeit, die ich im Zug verbringe. Unter vier Stunden sind es ja sowieso fast nie, aber auch acht und mehr sind keine Seltenheit. Was hätte ich mich früher geärgert, wenn mir so etwas wie am Freitag passiert wäre. Ganz rot angelaufen wäre ich, Kopfschmerzen hätte ich bekommen vor Wut. Aber ob nun sechseinhalb Stunden oder fast neun – irgendwann ist es ja auch egal.
Um 12:00 Uhr stieg ich in den Bus – richtige Linie, falsche Richtung. Das war deshalb nicht sofort ersichtlich, weil sich die Haltestelle im Kreisverkehr befand und von allen Bussen gleichermaßen angefahren wurde. Mit mir stieg eine Horde Schulkinder ein und ich wurde zwischen Tür und Tretrollern eingequetscht. “Wieder in oder nie out?”, fragte ich mich.
Als ich auf die Endhaltestelle schaute, hatte ich gleich ein ungutes Gefühl. Mir war, als hätte der Bus, den ich drei Tage zuvor auf der Hinfahrt genommen hatte, dieselbe Endhaltestelle angezeigt. Ich checkte also schnell Google Maps und musste mir meinen Fehler eingestehen. Die klügste Handlung wäre nun gewesen, auszusteigen und auf den Bus in die Gegenrichtung zu warten. Google Maps riet etwa fünf Haltestellen lang zu diesem Vorgehen. Irgendwann stiegen die Kinder aus und ich konnte mich für die restliche halbe Stunde der Fahrt hinsetzen.
Was mich ritt: Der Wunsch, allein zu sein. Ich stellte mir vor, wie ich zurückfuhr und Big P begegnete, der die gleiche Strecke eine Stunde später fahren wollte. Nicht nur hätte ich ihm meinen idiotischen Fehler erklären müssen, ich hätte auch noch mindestens eine Stunde gemeinsamer Fahrt mit Gespräch füllen müssen – und das, nachdem wir uns eben erst verabschiedet hatten.
Was mich außerdem ritt: eine gewisse, vielleicht von der Müdigkeit getriebene Resignation und Teilnahmslosigkeit, der die Aussicht gefiel, die eigenen Fehler konsequent zu Ende zu leben. Nur gut, dachte ich, dass Deutschland klein genug ist und der Nah- und Fernverkehr bei allen Klagen immer noch gut genug funktioniert, dass ein Idiot wie ich irgendwo in der Provinz ganz im Süden mittags losfahren und am Abend ganz im Norden ankommen kann. Think positive.
Am Provinzbahnhof fühlte ich mich nach den Tretrollern erneut in die Vergangenheit, circa 2004 zurückversetzt. Dort wurden jene Heftromane verkauft, die damals zur Standardlektüre meiner Tante und Uroma zählten: Toni Der Hüttenwirt, Dr. Burger: Schicksale zwischen Tal und Gipfel und Erlebte Geschichte Freikorps: Schnee und Blut (das Wort Blut in roter Schrift).
Mir fällt auf, dass ich erstens sehr wenig Kontakt zu Kindern habe und zweitens sehr selten an Provinzbahnhöfen weile. Eine dieser Tatsachen finde ich bedauerlicher als die andere.
Vor Hannover wurde ich zum Ziel einer meisterlichen Smalltalk-Attacke. Ich selbst würde im unwahrscheinlichen Fall, dass ich zu einem netten Plausch mit Fremden aufgelegt wäre, sofort aufgeben, wenn mein Sitznachbar Kopfhörer tragen und offensichtlich mit Arbeit beschäftigt sein würde. Ehrlich, ich hätte keine Ahnung, wie diese Nuss auf sozialverträgliche Weise zu knacken wäre. Aber es ist möglich und funktioniert so: Man fragt, ob der Sitzplatz frei sei, besetzt ihn und steht wenige Sekunden später wieder auf. “Ich gehe ins Bordbistro”, verlautbart man. Die Höflichkeit gebietet es, dass der Sitznachbar die Kopfhörer nun abnimmt, woraufhin man den Satz wiederholt. Sobald man aus dem Bordbistro zurückkommt, stellt man fest: “Meine BahnCard läuft bald ab.” Der Sitznachbar muss nun erneut die Kopfhörer abnehmen und die Arbeit am Laptop einstellen. Man wiederholt den Satz und führt aus, was das Ablaufen der BahnCard mit der Tatsache zu tun hat, dass man sehr viele Freigetränke im Bordbistro konsumiert. Es ist also, und das ist das Erstaunliche, überhaupt nicht nötig, dem Sitznachbar Fragen zu stellen oder ein Interesse an seiner Person zu zeigen. Es reicht völlig aus, Informationen über sich selbst zu teilen. Der Sitznachbar wird nun seinerseits, völlig ungefragt, einen Gesprächsbeitrag leisten, da es allzu seltsam erschiene, überhaupt nichts zu erwidern. Et voilá: der Talk ist im Gange und muss nun so lange fortgeführt werden, bis einer von beiden den Zug verlässt.
Wütend wurde ich dann doch noch. Als ich gegen 21 Uhr ausstieg, regnete es nämlich in Strömen und das mag zwar hier die Regel sein, aber aus dem tiefsten Süden kommend war es der Tropfen, der das Fass des Tages zum Überlaufen brachte. Pitschnass kam ich eine halbe Stunde später zu Hause an.
Zeit ist Schall und Rauch. Aber man soll mich dann nicht auch noch zusätzlich ärgern.
Um 12:00 Uhr stieg ich in den Bus – richtige Linie, falsche Richtung. Das war deshalb nicht sofort ersichtlich, weil sich die Haltestelle im Kreisverkehr befand und von allen Bussen gleichermaßen angefahren wurde. Mit mir stieg eine Horde Schulkinder ein und ich wurde zwischen Tür und Tretrollern eingequetscht. “Wieder in oder nie out?”, fragte ich mich.
Als ich auf die Endhaltestelle schaute, hatte ich gleich ein ungutes Gefühl. Mir war, als hätte der Bus, den ich drei Tage zuvor auf der Hinfahrt genommen hatte, dieselbe Endhaltestelle angezeigt. Ich checkte also schnell Google Maps und musste mir meinen Fehler eingestehen. Die klügste Handlung wäre nun gewesen, auszusteigen und auf den Bus in die Gegenrichtung zu warten. Google Maps riet etwa fünf Haltestellen lang zu diesem Vorgehen. Irgendwann stiegen die Kinder aus und ich konnte mich für die restliche halbe Stunde der Fahrt hinsetzen.
Was mich ritt: Der Wunsch, allein zu sein. Ich stellte mir vor, wie ich zurückfuhr und Big P begegnete, der die gleiche Strecke eine Stunde später fahren wollte. Nicht nur hätte ich ihm meinen idiotischen Fehler erklären müssen, ich hätte auch noch mindestens eine Stunde gemeinsamer Fahrt mit Gespräch füllen müssen – und das, nachdem wir uns eben erst verabschiedet hatten.
Was mich außerdem ritt: eine gewisse, vielleicht von der Müdigkeit getriebene Resignation und Teilnahmslosigkeit, der die Aussicht gefiel, die eigenen Fehler konsequent zu Ende zu leben. Nur gut, dachte ich, dass Deutschland klein genug ist und der Nah- und Fernverkehr bei allen Klagen immer noch gut genug funktioniert, dass ein Idiot wie ich irgendwo in der Provinz ganz im Süden mittags losfahren und am Abend ganz im Norden ankommen kann. Think positive.
Am Provinzbahnhof fühlte ich mich nach den Tretrollern erneut in die Vergangenheit, circa 2004 zurückversetzt. Dort wurden jene Heftromane verkauft, die damals zur Standardlektüre meiner Tante und Uroma zählten: Toni Der Hüttenwirt, Dr. Burger: Schicksale zwischen Tal und Gipfel und Erlebte Geschichte Freikorps: Schnee und Blut (das Wort Blut in roter Schrift).
Mir fällt auf, dass ich erstens sehr wenig Kontakt zu Kindern habe und zweitens sehr selten an Provinzbahnhöfen weile. Eine dieser Tatsachen finde ich bedauerlicher als die andere.
Vor Hannover wurde ich zum Ziel einer meisterlichen Smalltalk-Attacke. Ich selbst würde im unwahrscheinlichen Fall, dass ich zu einem netten Plausch mit Fremden aufgelegt wäre, sofort aufgeben, wenn mein Sitznachbar Kopfhörer tragen und offensichtlich mit Arbeit beschäftigt sein würde. Ehrlich, ich hätte keine Ahnung, wie diese Nuss auf sozialverträgliche Weise zu knacken wäre. Aber es ist möglich und funktioniert so: Man fragt, ob der Sitzplatz frei sei, besetzt ihn und steht wenige Sekunden später wieder auf. “Ich gehe ins Bordbistro”, verlautbart man. Die Höflichkeit gebietet es, dass der Sitznachbar die Kopfhörer nun abnimmt, woraufhin man den Satz wiederholt. Sobald man aus dem Bordbistro zurückkommt, stellt man fest: “Meine BahnCard läuft bald ab.” Der Sitznachbar muss nun erneut die Kopfhörer abnehmen und die Arbeit am Laptop einstellen. Man wiederholt den Satz und führt aus, was das Ablaufen der BahnCard mit der Tatsache zu tun hat, dass man sehr viele Freigetränke im Bordbistro konsumiert. Es ist also, und das ist das Erstaunliche, überhaupt nicht nötig, dem Sitznachbar Fragen zu stellen oder ein Interesse an seiner Person zu zeigen. Es reicht völlig aus, Informationen über sich selbst zu teilen. Der Sitznachbar wird nun seinerseits, völlig ungefragt, einen Gesprächsbeitrag leisten, da es allzu seltsam erschiene, überhaupt nichts zu erwidern. Et voilá: der Talk ist im Gange und muss nun so lange fortgeführt werden, bis einer von beiden den Zug verlässt.
Wütend wurde ich dann doch noch. Als ich gegen 21 Uhr ausstieg, regnete es nämlich in Strömen und das mag zwar hier die Regel sein, aber aus dem tiefsten Süden kommend war es der Tropfen, der das Fass des Tages zum Überlaufen brachte. Pitschnass kam ich eine halbe Stunde später zu Hause an.
Zeit ist Schall und Rauch. Aber man soll mich dann nicht auch noch zusätzlich ärgern.
pancreases | 18. Oktober 26 | 0 Kommentare
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