Soweit ich mich erinnern kann, bin ich noch nie durch eine Prüfung gefallen. Das liegt vor allem daran, dass ich mir den PKW-Führerschein gespart habe. Autofahren ist was für Spießbürger. Ich bin cool und lasse mich kutschieren.

Nun besteht aber eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich diese Versagenserfahrung nächsten Freitag nachholen werde. Allerdings nicht für PKW, sondern für "Sportboote unter Segel". Siebenunddreißig Fragen in 60 Minuten beantworten - ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass ich diesen Teil der Prüfung schaffen werde. Auch die Knoten sollte ich hinbekommen, man hat ja zwei Versuche. Aber dann: Ablegen, Wende, Halse, Boje (genauer: Wasserkanister Markus) retten, anlegen.

Ich bin, was die praktische Intelligenz betrifft, schlicht und ergreifend minderbemittelt. Irgendwie war mir das schon immer klar, aber so richtig vollständig bewusst wurde mir das erst in den letzten Jahren. Vorletzte Woche stellte ich es wieder unter Beweis, als ich, ohne darüber nachzudenken, in eine angeschlossene Steckdose griff, weil ein Kontaktteil des Steckers darin steckengeblieben war. Wahrscheinlich war es mein Glück, dass der Stromschlag schon einsetzte, bevor ich richtig zugegriffen hatte. Gut, dieses Beispiel mag noch durch den Affekt des Moments wegzuerklären sein, aber andere, weniger wegerklärliche Beispiele gibt es zur Genüge. Als H. mich fragte, ob die von ihm bestellte Bierzapfanlage schon angekommen sei, und just an diesem Tag ein flaches, circa 20 Zentimeter großes Päckchen zugestellt worden war, antwortete ich "vielleicht".

Zurück zum Segeln. Hier kommt noch hinzu, dass ich unter Druck - etwa jenem Druck, der entsteht, wenn man unter Segeln in den Hafen einfahren muss - leicht in Panik gerate und mangels Emotionsregulation nicht in der Lage bin, Frustrationen - etwa jene Frustrationen, die entstehen, wenn man Markus nicht aus dem Wasser ziehen konnte - schnell zu verarbeiten. Gestern beim Üben klappte wenig und es wurde definitiv nicht besser dadurch, dass ich sofort wütend wurde und spätestens nach dem zweiten Fehlversuch beschloss, nicht zur Prüfung anzutreten. Was jetzt übrigens nicht mehr geht, ohne trotzdem die kompletten Gebühren entrichten zu müssen. Segeln, das musste ich in den letzten Wochen feststellen, gehört nicht zu den günstigen Hobbies. Dennoch war mir das Geld in diesem Moment scheißegal, ich war fest entschlossen, die Prüfung einfach sein zu lassen.

Das wäre selbstverständlich vollkommen irrational, wie überhaupt meine ganze Prüfungsangst irrational ist. Ich kann da einfach hingehen, versagen und nach Hause gehen - who fucking cares? Keiner nämlich.
Ich könnte sogar weiterhin segeln, ohne die Prüfung zu bestehen! Ich brauche diesen Schein gar nicht, den braucht man nämlich nur bei "Fahrzeugen unter 20 Metern Länge (ohne Ruder und Bugspriet) mit einer größeren Nutzleistung als 11,03 kW (15 PS) bei Verbrennungsmotoren bzw. 7,5 kW (10,20 PS) bei Elektromotoren (maßgeblich ist die Betriebsart S1 (Dauerbetrieb)". Ja, das ist eine Prüfungsfrage und ja, diesen Text habe ich hier reinkopiert. Man muss das nämlich nicht frei wiedergeben können, sondern lediglich eine Multiple Choice Frage beantworten.

Das Problem besteht bloß darin, dass einem in der Regel ohne Schein niemand ein Segelboot ausleiht. Aber erstens wird mir unsere Segelschule, die sich an dem einzigen Ort befindet, an dem ich jemals segeln wollen werde, bestimmt auch ohne Schein ein Boot ausleihen, weil sie mein Gesicht kennen, und zweitens wird H. die Prüfung sicher bestehen, und da ich sowieso immer nur mit H. segeln wollen werde, genügt das vollkommen.
Das Wichtigste - viel wichtiger als die Prüfung - sei ja auch, dass ich Segeln gelernt hätte, sagt H. In der Praxis sei doch vollkommen egal, ob ich wenige Zentimer an dem ständig über Bord gehenden Markus vorbeischwoje und ihn deshalb nicht an den Haaren zu packen bekomme. Der echte Markus hat ja eine Schwimmweste an und kann - das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, Markus! - ein klein wenig mit den Entenfüßchen strampeln, um ans Boot zu gelangen.

Also alles paletti. Darum schreibe ich diesen Text: alles paletti, Drüse! Wie dumm, sich wegen so einer Prüfung das neue Hobby madig zu machen.
Nach der gestrigen Misere haben wir unsere heutige Doppelstunde zu einer doppelten Doppelstunde umgebucht. Doppelt doppelter Spaß! Kein bisschen habe ich null Bock, kein bisschen denke ich darüber nach, mich selbst zu sabotieren und jegliche Vorbereitung sausen zu lassen, vielleicht sogar absichtlich durch die theoretische Prüfung zu fallen, damit es nicht allein an der praktischen lag (nein, das wäre wirklich gar zu dumm: mit der theoretischen kann man theoretisch nämlich noch den Motorbootschein machen, was, wie ich hörte, deutlich einfacher ist als Segeln).

Im Übrigen, auch das lohnt der Feststellung, ist ja noch gar nicht gesagt, dass ich durchfallen werde! Das sind uns die Liebsten, nicht wahr: Heulen eine Woche vorher rum, wie wenig sie können, nur um dann geradezu durch die Prüfung zu segeln (haha).

Könnte natürlich auch sein, dass ich mich mit dem Fuß in einer Schot verheddere und so falle, dass ich mit dem Kopf unter Wasser, mit den Füßen aber noch an Bord hänge, mich nicht aufrichten kann und so nachhole, was die Steckdose nicht geschafft hat. Ich würde es mir zutrauen.





pancreases, Sonntag, 7. Juni 2026, 18:27
Pflichtschuldiger Nachtrag (4 Stunden später):
Heute war kein Segelwetter - zumindest keines, bei dem ich segeln möchte. Die zweite Doppelstunde ließen wir sein, da waren wir bereits vom Regen völlig durchnässt.

Ich fiel nicht über Bord, immerhin, sah ich mich doch zwischendurch bereits den Fischen Guten Tag sagen. Unser Bootstyp, der Valk, kann angeblich nicht kentern, aber dieses Wissen hilft kaum bis gar nicht, wenn die Krängung plötzlich stark zunimmt. Ich wurde ziemlich panisch, wann immer wir uns dem Wasser zuneigten, und hatte offen gesagt keinerlei Spaß bei der Sache.

Der Vollständigkeit halber muss aber auch hinzugefügt werden, dass das Segeln an schönen Tagen mit angenehmem Wind, der sich nicht alle zehn Sekunden dreht, durchaus viel Freude machen kann. An einem Tag wie heute würden wir unter normalen - das heißt nicht von bevorstehenden Prüfungen geprägten - Umständen ja nie auf's Wasser gehen.

Außerdem erweitert sich mein Wortschatz gerade um so viele seemännische Fachbegriffe, dass ich ganz bald ein Buch von Siegfried Lenz lesen möchte. Zuletzt, als Jugendliche, verstand ich nichts von all dem norddeutschen Kauderwelsch und war auch zu faul, all die seltsamen Wörter nachzuschlagen. Heute wüsste ich, was mit "Takelage" gemeint ist, statt es nur so ungefähr zu erahnen.