So viel Lebenszeit im Zug liegen zu lassen, das schmerzt mich, schmerzt fast körperlich, denn manchmal bilde ich mir ein, vor lauter Langeweile und Verdruss Kopfschmerzen zu kriegen, die aber vermutlich doch nur in meinem Kopf existieren, wobei mir das als Realitätsgrundlage für Kopfschmerzen mehr als ausreichend erscheint. Leider ist die Scheiße selbstverschuldet, also niemand außer mir selbst anzuklagen. Ich bin die, die sich das ausgesucht hat und es nun eben ausbaden, also ausfahren muss.
Immerhin ist Smalltalk deutlich einfacher geworden. Selbst das Wetter ist nicht so ein Dauerbrenner wie die Deutsche Bahn: Die lässt sofort Emotionen hochkochen, jeder kann und will was dazu sagen, hat zwei oder drei Anekdoten parat. An den Rekordhitzewochenenden kommt es zu einer glücklichen Verquickung der beiden Lieblingsthemen, denn da läuft es besonders schlecht auf deutschen Gleisen und die DB ruft vorsorglich zur Nichtinanspruchnahme der eigenen Dienstleistung auf. Inzwischen habe ich vorgefertigte Gesprächsschablonen, die ich aus dem Hut zaubern kann, um einmütiges Kopfschütteln hervorzurufen, allerdings nicht mehr mit derselben Verve wie noch am Anfang. Es ödet mich an, mir selbst bei den immer gleichen Geschichten zuhören zu müssen oder zu erzählen, „wie die Fahrt war“ und so laufe ich dann Gefahr, wieder Kopfschmerzen zu kriegen. Es ist ja so: Der Schatz an unterschiedlichen Erfahrungen, die man so sammelt, ist zwar groß, aber nicht unbegrenzt, und die meisten Fahrten fügen ihm nichts Neues hinzu, auch wenn es wieder X Minuten/Stunden Verspätung, einen entfallenen Endhalt oder akustisch/olfaktorisch auffällige Mitreisende gab.
Wenn dann aber doch mal etwas ganz Neues passiert, mischt sich ein wenig Euphorie in die übermüdete Verdrossenheit, löst sie nicht ab, sondern bildet eine instabile Emulsion. So war das am Mittwoch, als ich nach etwa drei Stunden Schlaf und Albträumen – denn was die Pendelei noch angenehmer macht, ist die unruhige Nacht, die ihr in der Regel vorausgeht – um 5:40 in den ICE stieg und dieser etwa eine halbe Stunde später am Arsch der Niederheide zum Stehen kam und stehen blieb. Einer von zwei Stromabnehmern war kaputt gegangen und ob uns der andere an den nächsten Provinzbahnhof bringen konnte, wurde „unter Hochdruck“, wie es hieß, erwogen, dann ausprobiert, dann aufgegeben. Dann musste die Feuerwehr anrücken und den Zug erden. Währenddessen durfte sich die gesamte Fahrgastgemeinschaft schon einmal Richtung Wagen 14 bewegen und sogar in der ersten Klasse Platz nehmen, um auf den Beginn der Evakuierung zu warten. Wenn die Bahn ihre Zweiklassengesellschaft aufgibt, weiß man, dass es ernst ist.
Zweieinhalb Stunden nachdem der Stromabnehmer sich verabschiedet hatte, wurde das Startsignal gegeben und alle hundertdreizehn Fahrgäste durften nacheinander über eine Trittleiter aus Wagen 14 auf das Gleisbett steigen und den langen Marsch zum nächsten Bahnhof antreten. Na gut, es waren nur circa hundert Meter. Die aber waren aufregend – wann geht man schon mal erlaubterweise auf einem Gleis entlang? Selbst unerlaubterweise machen das ja nur melancholische Teenager in Coming-of-Age-Filmen. Ab Bahnhof wurde es dann wieder die gleiche öde Geschichte wie eh und je, mit reichlich weiterer Verspätung, kann man sich denken. Unser Zug hatte ja schon früh am Morgen die gesamte Strecke ins Chaos gestürzt. In der App lasen Menschen, die in anderen Zügen saßen oder auf sie warteten, von „technischen Problemen bei einem vorausfahrenden Zug“ und fragten sich, was das bedeuten mochte, oder vermuteten eine Worthülse, mit der die DB bloß ihre üblichen Verspätungen rechtfertigte, denn seien wir mal ehrlich: wer hatte je diese ominösen Züge mit den technischen Pannen selbst erlebt? Das war doch alles ein Hoax, eine Maßnahme, um das Volk ruhigzustellen. Lange lasse ich mir das nicht mehr gefallen, haben sie gedacht, die da oben werden schon noch sehen, haben sie gedacht, und vor stiller Wut haben sie den Kaffeebecher zerdrückt. Wenn man nur oft genug Bahn fährt, habe ich derweil gedacht, sitzt man also irgendwann auch selbst einmal im Zentrum des Geschehens, erlebt ein Abenteuer, und dann ist das Leben wieder würzig und macht Spaß, so viel Spaß, habe ich gedacht und dann war das WiFi-Signal wieder weg, mein Akku endgültig leer, und es lagen noch Zweidrittel Arbeitstag vor mir, als ich nach achtstündiger Reise in Frankfurt ankam.
Zwei Tage später fuhr ich weiter nach Freiburg, weil ich dort berufsbedingt… halt was machen musste. Schöngeredet hatte ich mir den Aufenthalt damit, dass ich ihn mit einem Ziel verbinden konnte, das schon seit längerem auf meiner Reisewunschliste stand: dem Bienenfresserpfad. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, weshalb sich ein in den Tropen und Subtropen beheimateter Vogel hier wieder angesiedelt hatte: Es war nicht heiß, sondern Heiß. Wir (H. war für das Wochenende nachgereist) beschlossen daher, möglichst früh am Morgen aufzubrechen. Als ich nach zehneinhalb Stunden aufwachte, erinnerte ich mich auch sofort, dass der Wecker um 7 Uhr geklingelt hatte. Nun war es 9 Uhr und richtig ärgern konnte ich mich nicht darüber. Das wäre auch völlig unnötig gewesen, denn wir bekamen noch sehr viele Bienenfresser zu Gesicht. Ich hatte erwartet, dass es Geduld und äußerstes Glück erfordern würde, um auch nur ein einziges Exemplar zu sichten – weil ich ja noch nie zuvor im Leben einen Bienenfresser gesehen hatte und weil sonst sicher alle Welt in den Kaiserstuhl pilgern würde, um mit eigenen Augen einen echten Bienenfresser zu sehen! Auf die Gefahr hin, dass der Ort demnächst überrannt wird, kann ich aber berichtigen, dass die Bienenfresser überhaupt nicht schwer aufzufinden sind und man sich schon anstrengen, d. h. den Blick permanent auf den Boden gerichtet lassen müsste, damit sie einem entgehen. Man fahre bloß nach Ihringen und biege in die hohle Gasse auf den Weinberg ein, schon sieht man die ersten durch die Luft schießen. Dank der hohen Lösswände gibt es sogar ein wenig Schatten, in dem es sich bis um die Mittagsstunde aushalten lässt. Es ist also gar nicht nötig, den gesamten Bienenfresserpfad zu gehen, jedenfalls nicht, wenn es einem mehr um die Bienenfresser zu tun ist, als darum, bei Gluthitze eine mehrstündige Wanderung zurückzulegen.
Für einen anderen Vogel braucht man übrigens doch einiges Glück und das hatten wir an diesem Tag: ein Wiedehopf war etwa anderthalb Sekunden lang zu sehen, als er zwischen den Rebstöcken hindurchflog.
Zurück in Freiburg machte ich mich auf die Suche nach dem Foltermuseum, das es hier laut Internet bis 2006 gegeben hat und das meine Erinnerung an Freiburg, wo ich zuletzt 2001 oder 2002 gewesen sein muss, geprägt hat. H. musste mir viermal um den Platz herum folgen, bis wir endlich das richtige Gebäude identifiziert hatten. Ich weiß nicht genau, was ich durch diese Übung gewonnen habe, aber es wäre mir nicht richtig vorgekommen, diesen inneren Drang zu ignorieren. Abends ließen wir wie alle anderen die Füße ins Bächle baumeln und fragten uns, was passieren müsste, damit wir Deutschland verlassen würden. Antwort: viel zu viel zu viel.
Am nächsten Tag (das ist heute) verließen wir Freiburg und befanden Hamburg im Vergleich als äußerst angenehm. Es ist ein richtiger Städtereigen, da wird einem schwindelig: am Dienstag geht’s erneut nach BaWü, in die am schlechtesten angebundene Unistadt. Ein Tag Anreise, um am nächsten Tag für buchstäblich zwei Minuten Arbeit (die ich ablesen darf, wie mir mitgeteilt wurde) dort zu sein und einen Tag später abzureisen. Kurz im Norden durchschnaufen, nächste Woche wieder Frankfurt, Ende Juli wiederum eine neue Stadt in BaWü, im August kein BaWü mehr, dafür Finnland und so weiter und so fort – habe ich eigentlich schon gesagt, dass ich ziemlich gerne zu Hause und gar nicht so gerne unterwegs bin? Man soll nicht klagen, aber. Ich mach’s halt trotzdem.
Immerhin ist Smalltalk deutlich einfacher geworden. Selbst das Wetter ist nicht so ein Dauerbrenner wie die Deutsche Bahn: Die lässt sofort Emotionen hochkochen, jeder kann und will was dazu sagen, hat zwei oder drei Anekdoten parat. An den Rekordhitzewochenenden kommt es zu einer glücklichen Verquickung der beiden Lieblingsthemen, denn da läuft es besonders schlecht auf deutschen Gleisen und die DB ruft vorsorglich zur Nichtinanspruchnahme der eigenen Dienstleistung auf. Inzwischen habe ich vorgefertigte Gesprächsschablonen, die ich aus dem Hut zaubern kann, um einmütiges Kopfschütteln hervorzurufen, allerdings nicht mehr mit derselben Verve wie noch am Anfang. Es ödet mich an, mir selbst bei den immer gleichen Geschichten zuhören zu müssen oder zu erzählen, „wie die Fahrt war“ und so laufe ich dann Gefahr, wieder Kopfschmerzen zu kriegen. Es ist ja so: Der Schatz an unterschiedlichen Erfahrungen, die man so sammelt, ist zwar groß, aber nicht unbegrenzt, und die meisten Fahrten fügen ihm nichts Neues hinzu, auch wenn es wieder X Minuten/Stunden Verspätung, einen entfallenen Endhalt oder akustisch/olfaktorisch auffällige Mitreisende gab.
Wenn dann aber doch mal etwas ganz Neues passiert, mischt sich ein wenig Euphorie in die übermüdete Verdrossenheit, löst sie nicht ab, sondern bildet eine instabile Emulsion. So war das am Mittwoch, als ich nach etwa drei Stunden Schlaf und Albträumen – denn was die Pendelei noch angenehmer macht, ist die unruhige Nacht, die ihr in der Regel vorausgeht – um 5:40 in den ICE stieg und dieser etwa eine halbe Stunde später am Arsch der Niederheide zum Stehen kam und stehen blieb. Einer von zwei Stromabnehmern war kaputt gegangen und ob uns der andere an den nächsten Provinzbahnhof bringen konnte, wurde „unter Hochdruck“, wie es hieß, erwogen, dann ausprobiert, dann aufgegeben. Dann musste die Feuerwehr anrücken und den Zug erden. Währenddessen durfte sich die gesamte Fahrgastgemeinschaft schon einmal Richtung Wagen 14 bewegen und sogar in der ersten Klasse Platz nehmen, um auf den Beginn der Evakuierung zu warten. Wenn die Bahn ihre Zweiklassengesellschaft aufgibt, weiß man, dass es ernst ist.
Zweieinhalb Stunden nachdem der Stromabnehmer sich verabschiedet hatte, wurde das Startsignal gegeben und alle hundertdreizehn Fahrgäste durften nacheinander über eine Trittleiter aus Wagen 14 auf das Gleisbett steigen und den langen Marsch zum nächsten Bahnhof antreten. Na gut, es waren nur circa hundert Meter. Die aber waren aufregend – wann geht man schon mal erlaubterweise auf einem Gleis entlang? Selbst unerlaubterweise machen das ja nur melancholische Teenager in Coming-of-Age-Filmen. Ab Bahnhof wurde es dann wieder die gleiche öde Geschichte wie eh und je, mit reichlich weiterer Verspätung, kann man sich denken. Unser Zug hatte ja schon früh am Morgen die gesamte Strecke ins Chaos gestürzt. In der App lasen Menschen, die in anderen Zügen saßen oder auf sie warteten, von „technischen Problemen bei einem vorausfahrenden Zug“ und fragten sich, was das bedeuten mochte, oder vermuteten eine Worthülse, mit der die DB bloß ihre üblichen Verspätungen rechtfertigte, denn seien wir mal ehrlich: wer hatte je diese ominösen Züge mit den technischen Pannen selbst erlebt? Das war doch alles ein Hoax, eine Maßnahme, um das Volk ruhigzustellen. Lange lasse ich mir das nicht mehr gefallen, haben sie gedacht, die da oben werden schon noch sehen, haben sie gedacht, und vor stiller Wut haben sie den Kaffeebecher zerdrückt. Wenn man nur oft genug Bahn fährt, habe ich derweil gedacht, sitzt man also irgendwann auch selbst einmal im Zentrum des Geschehens, erlebt ein Abenteuer, und dann ist das Leben wieder würzig und macht Spaß, so viel Spaß, habe ich gedacht und dann war das WiFi-Signal wieder weg, mein Akku endgültig leer, und es lagen noch Zweidrittel Arbeitstag vor mir, als ich nach achtstündiger Reise in Frankfurt ankam.
Zwei Tage später fuhr ich weiter nach Freiburg, weil ich dort berufsbedingt… halt was machen musste. Schöngeredet hatte ich mir den Aufenthalt damit, dass ich ihn mit einem Ziel verbinden konnte, das schon seit längerem auf meiner Reisewunschliste stand: dem Bienenfresserpfad. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, weshalb sich ein in den Tropen und Subtropen beheimateter Vogel hier wieder angesiedelt hatte: Es war nicht heiß, sondern Heiß. Wir (H. war für das Wochenende nachgereist) beschlossen daher, möglichst früh am Morgen aufzubrechen. Als ich nach zehneinhalb Stunden aufwachte, erinnerte ich mich auch sofort, dass der Wecker um 7 Uhr geklingelt hatte. Nun war es 9 Uhr und richtig ärgern konnte ich mich nicht darüber. Das wäre auch völlig unnötig gewesen, denn wir bekamen noch sehr viele Bienenfresser zu Gesicht. Ich hatte erwartet, dass es Geduld und äußerstes Glück erfordern würde, um auch nur ein einziges Exemplar zu sichten – weil ich ja noch nie zuvor im Leben einen Bienenfresser gesehen hatte und weil sonst sicher alle Welt in den Kaiserstuhl pilgern würde, um mit eigenen Augen einen echten Bienenfresser zu sehen! Auf die Gefahr hin, dass der Ort demnächst überrannt wird, kann ich aber berichtigen, dass die Bienenfresser überhaupt nicht schwer aufzufinden sind und man sich schon anstrengen, d. h. den Blick permanent auf den Boden gerichtet lassen müsste, damit sie einem entgehen. Man fahre bloß nach Ihringen und biege in die hohle Gasse auf den Weinberg ein, schon sieht man die ersten durch die Luft schießen. Dank der hohen Lösswände gibt es sogar ein wenig Schatten, in dem es sich bis um die Mittagsstunde aushalten lässt. Es ist also gar nicht nötig, den gesamten Bienenfresserpfad zu gehen, jedenfalls nicht, wenn es einem mehr um die Bienenfresser zu tun ist, als darum, bei Gluthitze eine mehrstündige Wanderung zurückzulegen.
Für einen anderen Vogel braucht man übrigens doch einiges Glück und das hatten wir an diesem Tag: ein Wiedehopf war etwa anderthalb Sekunden lang zu sehen, als er zwischen den Rebstöcken hindurchflog.
Zurück in Freiburg machte ich mich auf die Suche nach dem Foltermuseum, das es hier laut Internet bis 2006 gegeben hat und das meine Erinnerung an Freiburg, wo ich zuletzt 2001 oder 2002 gewesen sein muss, geprägt hat. H. musste mir viermal um den Platz herum folgen, bis wir endlich das richtige Gebäude identifiziert hatten. Ich weiß nicht genau, was ich durch diese Übung gewonnen habe, aber es wäre mir nicht richtig vorgekommen, diesen inneren Drang zu ignorieren. Abends ließen wir wie alle anderen die Füße ins Bächle baumeln und fragten uns, was passieren müsste, damit wir Deutschland verlassen würden. Antwort: viel zu viel zu viel.
Am nächsten Tag (das ist heute) verließen wir Freiburg und befanden Hamburg im Vergleich als äußerst angenehm. Es ist ein richtiger Städtereigen, da wird einem schwindelig: am Dienstag geht’s erneut nach BaWü, in die am schlechtesten angebundene Unistadt. Ein Tag Anreise, um am nächsten Tag für buchstäblich zwei Minuten Arbeit (die ich ablesen darf, wie mir mitgeteilt wurde) dort zu sein und einen Tag später abzureisen. Kurz im Norden durchschnaufen, nächste Woche wieder Frankfurt, Ende Juli wiederum eine neue Stadt in BaWü, im August kein BaWü mehr, dafür Finnland und so weiter und so fort – habe ich eigentlich schon gesagt, dass ich ziemlich gerne zu Hause und gar nicht so gerne unterwegs bin? Man soll nicht klagen, aber. Ich mach’s halt trotzdem.
pancreases | 12. Juli 26 | 0 Kommentare
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