Um gleich den Wind aus der Geschichte zu nehmen: Ich bin durchgefallen. Oder "nicht angetreten", wie es offiziell vermerkt werden wird. Tatsächlich bin ich sehr wohl angetreten und sehr wohl durchgefallen. Aber nun der Reihe nach.
H. und ich arbeiteten bis 12 Uhr, dann wiederholten wir noch einmal die Knoten und ein paar Prüfungsfragen. Während ich die Fragen inzwischen im Halbschlaf beantworten konnte, entpuppte sich der High Performer H. mal wieder als Last-Minute-Lerner, der dann aber - auch so viel sei schon vorweggenommen - ablieferte, als es drauf ankam.
Um 14 Uhr machten wir uns auf den Weg. An der Segelschule angekommen, hatten wir noch eine gute halbe Stunde zu vertrödeln. Ich versuchte, meine Nervosität unter Kontrolle zu behalten, H. verbrachte die Zeit mit der Lern-App.
"Ich hoffe, wir kriegen nette Prüfer. Hoffentlich sind das nicht so brummige Seebären", jammerte ich.
Mein Wunsch ging in Erfüllung: Die Prüfer entpuppten sich als nette Seebären, die einen beruhigenden Kontrapunkt zur allgemeinen Aufregung der Prüflingschaft bildeten. Tatsächlich – das ist keine poetische Erfindung – brach der erste Sonnenstrahl genau in dem Moment durch die nieselige Wolkendecke, als der Prüfer sein fröhliches "Moin" in die Runde näselte. Das sollte nicht der letzte dramaturgische Eingriff des Wetters gewesen sein.
Nach einer kurzen Unterweisung ging es an die Prüfungsbögen. Ich las alle Fragen sorgfältig durch, zeichnete, weil mein Kugelschreiber den Geist aufgab, jedes Kreuzchen doppelt nach und las mir am Ende sogar alle Fragen und Antworten ein zweites Mal durch. Länger als zehn Minuten kann es trotzdem nicht gedauert haben, bis ich abgab.
Danach stellten wir uns in unseren Zweier-Teams auf den Steg und warteten darauf, an die Reihe zu kommen.
“Fühlt sich an, wie die Schlange zum Schafott”, witzelte ich.
Wir waren die Vorletzten, und das auch nur, weil das Team vor uns noch mal zurück zu den Spinden gegangen war und sich dann hinter uns eingereiht hatte. Sie hatten ihre Sonnenbrillen geholt, denn inzwischen war der Himmel vollständig aufgeklart.
Während wir warteten, beobachtete ich entzückt die junge Haubentaucherfamilie, die in das Hafenbecken geschwommen kam. Vater Haubentaucher erjagte, angefeuert von den ungeduldig piepsenden Jungvögeln, Fisch um Fisch, und die gierigen Mäuler verschlangen sie am ganzen Stück.
Ab und zu blinzelte ich zu unseren Mitprüflingen rüber, die sich einige Meter entfernt durch die Manöver quälten.
Es ging kaum Wind, was, wie man sich denken kann, dem Segeln eher abträglich ist und als erschwerte Bedingung gilt. Dafür drehte der Wind auch nicht – eine echte Seltenheit. Die Segeltrainer scherzten gerne, dass es schon ausreiche, wenn irgendein Villenbewohner am Ufer die Fenster aufreiße. Aber bei Flaute hatten hier selbst die Gäste des Fontenay keinen Einfluss auf's Wetter.
Ich war vielleicht die einzige Person, die sich über diese Verhältnisse freute. Klar – ein bisschen mehr Wind wäre nicht schlecht gewesen. Aber besser so, sagte ich mir, als einer dieser stürmischen Tage.
Kurz bevor die Reihe an uns kam, wurden wir vom zweiten Seebärprüfer zurückgepfiffen, um noch schnell die Knoten vorzuführen. Wir stellten uns alle an die Stange mit den Seilen und führten Achtknoten, Kreuzknoten, Palstek, Schotstek und Stopperstek vor. Der Prüfer rief die Namen der Knoten und wir knoteten gleichzeitig drauf los. Beim Stopperstek wollte er den Knoten eigentlich in die andere Richtung haben, aber "das gehe jetzt schon in Ordnung". Erst wollte ich mich über mich ärgern, schließlich hatten wir die richtige Richtung beim Stopperstek vor wenigen Stunden nachgeschaut. Nachdem wir unsere Stempel erhalten hatten, erzählte H., er habe den Achtknoten nicht mehr hinbekommen.
"Der Prüfer hat aber zum Glück nicht richtig hingeschaut."
Da ließ ich das mit dem Ärgern.
Das Herz schlug mir noch immer im Hals, aber nun hatte ich zwei von drei Teilprüfungen bereits in der Tasche. Zurück auf dem Steg rückten wir vor bis auf Platz Zwei. Vor der Segelschule wurden bereits die ersten Grillwürstchen verteilt.
Plötzlich verabredeten sich alle Villenbewohner und Hotelgäste gleichzeitig zum Stoßlüften: Am westlichen Ufer braute sich was zusammen, dunkle Wolken türmten sich auf. Eine Böe – erster Unglücksbote – zupfte an unseren Jacken. Doch ich war viel zu aufgeregt, um den Wetterumschwung gebührend zu würdigen; ich wollte jetzt bloß die Prüfung hinter mich bringen.
"Wer fängt an?", fragte ich mit schriller Stimme.
H. schaute mir zwei Sekunden lang in die Augen und entschied: "Ich fange an."
Während sich H. am Ruder einrichtete, zog ich unser Boot zum Ende des Stegs.
Bei der Prüfung darf man es sich so einfach wie möglich machen und von ganz vorne starten, wo man sich nur noch richtig abstoßen muss, um fast schon aus dem Hafen raus zu sein. Allerdings ist eben das die Voraussetzung: dass man – das heißt der Vorschoter, in diesem Fall ich – das Boot richtig abstößt.
Zum Schutz des Stegs waren an der Ecke Autoreifen angebracht, die gerade genug im Weg waren, um meinen Schwung auszubremsen, sodass ich das Boot nur kraftlos nach hinten statt nach vorne drückte, wo es sich, während ich aufstieg, in die falsche Richtung zu drehen begann.
"Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid", murmelte ich – gerade leise genug, dass es der Prüfer nicht hören konnte.
"Macht nichts. Macht gar nichts", sagte H. mit betont ruhiger Stimme und wendete uns elegant einmal rund durchs Hafenbecken und hinaus.
"Jetzt habe ich dir das Ablegen versaut", jammerte ich, als wir außer Hörweite des Prüfers waren.
"Ach Quatsch – hat doch alles super geklappt. Das war nicht deine Schuld."
"Doch", widersprach ich, hielt dann aber die Klappe, damit er sich auf die restlichen Manöver konzentrieren konnte. Sofort war klar, dass sich das Problem des zu geringen Windes erledigt hatte. Wir bauten schön Geschwindigkeit auf. H. fuhr die erste Wende, die zweite, nach der dritten landeten wir in einem perfekten Halbwindkurs, sodass er gleich das Markus-über-Bord-Manöver anschließen konnte. Nachdem Markus aus dem Wasser gezogen war, fuhren wir wieder an und es folgte die Halse, aus der heraus wir uns in genau den richtigen Winkel zum Hafen drehten. H. musste nur noch reinfahren, aufschießen und Glückwünsche abholen – Segelschein bestanden!
Vor dem Wechsel schaute ich schnell hoch auf die Verklicker: Der Wind war minimal ablandiger geworden, aber im Grunde musste ich bloß demselben Kurs folgen, den H. gerade vorgezeichnet hatte.
„Okay, dann...“, hob ich an, um das Kommando zum Ablegen zu geben.
H. hatte mich in diesem Moment bereits abgestoßen, sodass ich nur ein überraschtes „oh“ hinzufügen konnte und schnell die Pinne aus der Halterung löste.
„Oh“, wiederholte der Prüfer mit einem gutmütigen Lachen.
Schon fuhren wir los. Der Wind hatte weiter angezogen. Ich brachte uns auf einen Amwindkurs und führte die erste Wende durch, mit der wir geradewegs auf Kollisionskurs zum Ruderhaus gingen, sodass ich schon wenige Sekunden später zur nächsten Wende rief.
„Ree!“
Ich drückte die Pinne herum und wechselte wieder die Seite.
Hochkonzentriert suchte ich nach einem besseren Kurs. Erst nach der dritten Wende waren wir endlich aus dem Windschatten des Hafens heraus. Das Boot raste über das Wasser und mein Herzschlag beschleunigte sich im Tempo der zunehmenden Geschwindigkeit.
Ich blickte kurz nach rechts und sah unser Geschwisterboot, das mit bedrohlich tiefer Krängung im Wasser lag.
Oha, hatte ich noch Zeit zu denken, dann legten auch wir uns Richtung Wasser. Ich schrie auf.
„Alles gut“, rief H.
Ich fierte die Schot, wie man es uns beigebracht hatte, um die Krängung zu verringern. Das Großsegel kam mir plötzlich doppelt so groß vor, wie es da so wütend im Wind flatterte und kaum zu bändigen war.
Tatsächlich war das Segel deutlich zu groß für diese Windverhältnisse: Da es vor einer halben Stunde noch so gut wie windstill gewesen war, hatte niemand daran gedacht, das Segel zu reffen. Wir waren im Training schon einige Male in ähnlich starken Winden gesegelt – aber nie bei voller Segelfläche.
„Klar zur Wende“, rief ich noch einmal.
Durch unsere Geschwindigkeit hatten wir uns bereits viel weiter vom Ufer entfernt, als es für die Prüfung vorgesehen war. Für den Moment war mir das aber ganz recht: So verhallten meine Angstschreie hoffentlich außer Hörweite.
Wir wendeten. Dann kam der Wolkenbruch. Ich nahm nur peripher wahr, wie ich innerhalb weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässt wurde. Auf Halbwindkurs brausten wir zurück Richtung Ufer.
„Jetzt kannst du Boje-über-Bord machen“, rief H.
Kurz glaubte ich es mit einem Irren zu tun zu haben.
„Ich mache gar nichts“, kreischte ich.
Wie um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, legten wir uns erneut bedrohlich schief ins Wasser. Ich fierte und fierte, aber der Druck ließ kaum nach. Erst als wir aus der Böe raus waren, richteten wir uns wieder auf und die Geschwindigkeit ließ etwas nach.
„Jetzt Boje über Bord?“
Er hatte komplett den Verstand verloren. Aber ja, erinnerte ich mich, hier ging es nicht nur um’s nackte Überleben – ich hatte auch noch eine Prüfung zu absolvieren.
„Ich mach erst mal die Halse.“
„Ok.“
Bei der Halse dreht sich das Heck des Schiffs durch den Wind. Bei wenig Wind ist das ein recht gemütliches Manöver. In stürmischen Zeiten wie diesen jedoch, so hatte man uns eingebläut, konnte es schnell gefährlich werden. Besser als jetzt, wo wir aus den schlimmsten Böen raus waren, würde es aber nicht werden, fürchtete ich.
Das Großsegel krachte auf die andere Seite und so weit über das Wasser, dass ich, wenn ich nicht daran gedacht hätte, die Schot loszulassen, den Markus gemacht hätte.
Die Prüfung war gelaufen, das wusste ich in diesem Moment: Ich wollte einfach bloß heil zurück ans Ufer gelangen. Überleben ging dann doch vor Prüfung.
Als hätte uns das himmlische Kind gerade genug Verschnaufpause für die Halse gönnen wollen, zog der Wind wieder an und peitschte uns den Regen um die Ohren.
„Ich will nicht mehr, ich will nach Hause.“
„Die lassen auch gerade die Flagge runter, wir sollen zurückkommen.“
Ich blickte zum Steg: tatsächlich! Welch ein Glück! Bloß dass wir uns gerade mit zunehmender Geschwindigkeit vom rettenden Ufer wegbewegten. Als ich wieder nach vorne schaute, nahm ich mit einem Mal all die anderen Boote um uns herum wahr, deren weiße Segel einen unwirklichen Kontrast zum dunklen Himmel bildeten: eine gespenstische Armada, die mit geladenen Kanonen an uns vorbei- und auf das Ufer zustürmte.
„Was soll ich machen“, schrie ich.
„Soll ich übernehmen?“
„Ja!“
Erleichtert stolperte ich in die Schiffsmitte, ließ mich auf die Knie fallen und ergriff die Vorschot.
„Ich mache jetzt eine Wende. Alles klar?“
„Klar“, krächzte ich.
H. drückte das Ruder rum. Im gleichen Augenblick machte ich die Fock los. Wir drehten uns langsam, zu langsam gegen den Wind und wurden auf halbem Weg zurückgedrückt.
„Mist, ich kriege uns nicht rum. Ich versuch‘s noch mal. Klar zur Wende?“
Wieder wurden wir zurückgedrückt. Ich hielt meinen Blick starr auf den Bug gerichtet und atmete stoßweise.
„Mist. Ok. Ich wende jetzt noch mal und du hältst die Fock auf der falschen Seite. Jetzt. Nicht loslassen, ja? Ok. Ok, das sieht doch gut aus. Ja. Ja! Jetzt auf die andere Seite, Fock rüber!“
Langsam, aber diesmal sicher, wendeten wir gegen den Wind. Schnell klemmte ich die Vorschot wieder ein.
„Wir sind auf einem guten Kurs. Ich lege jetzt an.“
Das Anlegen unter Segel ist an stürmischen Tagen ein furchteinflößendes Spektakel für alle, die sich trauen, hinzuschauen: Wie das Schiff mit atemberaubender Geschwindigkeit in das enge Hafenbecken hineinrauscht und im letzten Moment einen 90-Grad-Aufschießer macht, um erstaunlich sanft am Steg anzulangen.
Das heißt: wenn alles klappt, wie geplant. Wenn es stattdessen so läuft, wie bei meinem vorletzten Versuch während der Generalprobe, kann dabei auch mal der gesamte Steg erzittern.
Aber heute saß ja H. am Ruder. So stieg ich zwar nicht elegant wie Jack Sparrow von Bord, dafür sank das Schiff aber auch nicht, während ich den Fuß auf den Steg setzte.
Der Prüfer schritt uns ruhig entgegen. Überhaupt war die Atmosphäre an Land unangemessen unaufgeregt. Während ich noch den Schock verdaute, um Haaresbreite den wilden Wassern entronnen zu sein, schien ich in den Augen der Prüfer und Trainer bloß eine etwas holprige Spazierfahrt erlebt zu haben.
„Wir haben abgebrochen“, sprach H. das Offensichtliche aus.
„Ja, macht nichts. Ihr könnt ja erst mal eine Pause einlegen und dann kann sie schauen, ob sie noch mal rausfährt und den Zweitversuch macht“, erwiderte der Prüfer lapidar.
ICH FAHR DA NIE WIEDER RAUS
„Ok“, sagte ich, „jetzt muss ich mich aber erst mal abtrocknen.“
Als wir zur Segelschule zurückgingen, flüsterte ich H. aufgeregt zu, was ich vom Vorschlag des Prüfers hielt. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gegangen, aber es schüttete immer noch wie aus Kübeln. Unter dem Vordach der Schule standen die erfolgreichen Prüflinge mit Bier und Wurst in der Hand.
„Und?“, strahlte uns die eine Hälfte des Frauenduos entgegen, mit dem wir vor zwei Tagen die Generalprobe absolviert hatten. Die beiden waren ebenfalls mit großer Nervosität in die Prüfung gegangen.
„Oh“, wechselte sie schnell die Stimmlage, als sie mein Gesicht sah, „nein?“
Ich schüttelte den Kopf.
"Wir haben abgebrochen", wiederholte H. seinen Satz. „Das war uns zu viel Wind."
Sie erwiderte etwas Aufmunterndes. Ich nickte wild und lächelte.
„Ja, das war jetzt einfach ein bisschen Pech“, winkte ich ab.
„Aber H. hat‘s geschafft. Und du auch! Glückwunsch.“
“Danke. Aber Mensch, das tut mir echt leid! Wir hatten so gut wie keinen Wind und bei euch jetzt das – verrückt oder?”
“Ja. Verrückt… Na ja, nächstes Mal dann”, lachte ich.
“Ich glaube, ich geh mal rein,” fügte ich hinzu und zeigte verlegen auf meine Jeans, die mir immer noch an den Beinen klebte.
Kaum war ich drinnen, wiederholte sich das Gespräch mit der anderen Hälfte des Frauenduos, bloß dass ich die Sätze jetzt schon viel sicherer aufsagte – keine große Sache, kann passieren, einfach Pech gehabt. Nächstes Mal dann!
Mein Gesicht schien jedoch andere Bände zu sprechen.
“Mach dir nicht zu viel draus”, sagte sie mitleidig und bot mir das Handtuch an, das sie mitgebracht hatte – “für den Fall, dass ich heute ins Wasser falle”.
Dankbar trocknete ich mir das Gesicht ab.
“Na”, kam einer der Trainer hereingestapft.
“Draußen sieht’s schon viel besser aus. Regnet zwar noch ein bisschen, aber ist wieder ruhig. Wer will, kann jetzt noch mal aufs Wasser.”
Zwei Frauen, die in der Ecke standen, schauten sich an, zuckten die Achseln und gingen nach draußen.
“Na, und du?”, fragte der Trainer. "Zweiten Versuch starten?”
“Ne.”
“Sicher nicht? Musst du wissen.”
“Ne ne”, winkte der Mann, der angesprochen worden war, entschlossen ab und starrte weiter wie gebannt aus dem Fenster.
Der Trainer warf einen letzten Blick in die Runde. Ich senkte schnell den Blick. Dann verschwand er wieder Richtung Steg und ließ uns armselige Landratten alleine Trübsal blasen. Wahrscheinlich schüttelte er über uns genauso verwundert den Kopf wie wir über ihn: Dass wir derselben Gattung Mensch angehörten, war ein Wunder, das keiner von uns so recht verstand.
“Können wir jetzt nach Hause?”
“Ja. Komm. Wir gehen nach Hause.”
Und so trat ich ab. Auf dem Weg zum Bus weinte ich, als sei ich meinem Körper diese Geste schuldig.
“Ich will nie mehr so viel Angst haben.”
“Du hast das ganz toll gemacht. Das war nicht deine Schuld.”
“Nein.” Entschieden schüttelte ich den Kopf. “Nie mehr!”
Zu Hause fiel ich erschöpft aufs Sofa und hatte das Gefühl, einen Marathon hinter mir zu haben. Wenige Minuten, nachdem wir uns die nassen Kleider vom Leib gestreift hatten, klingelte es an der Tür. Sofort gingen mir die verrücktesten Fantasien durch den Kopf: Das waren Leute von der Segelschule, die uns hinterhergerannt waren! Ob wir nicht doch noch mal auf’s Wasser wollten?
Tatsächlich war es bloß ein Paketzusteller. Die Regenhosen, die H. vor ein paar Tagen noch schnell bestellt hatte, waren endlich angekommen.
H. und ich arbeiteten bis 12 Uhr, dann wiederholten wir noch einmal die Knoten und ein paar Prüfungsfragen. Während ich die Fragen inzwischen im Halbschlaf beantworten konnte, entpuppte sich der High Performer H. mal wieder als Last-Minute-Lerner, der dann aber - auch so viel sei schon vorweggenommen - ablieferte, als es drauf ankam.
Um 14 Uhr machten wir uns auf den Weg. An der Segelschule angekommen, hatten wir noch eine gute halbe Stunde zu vertrödeln. Ich versuchte, meine Nervosität unter Kontrolle zu behalten, H. verbrachte die Zeit mit der Lern-App.
"Ich hoffe, wir kriegen nette Prüfer. Hoffentlich sind das nicht so brummige Seebären", jammerte ich.
Mein Wunsch ging in Erfüllung: Die Prüfer entpuppten sich als nette Seebären, die einen beruhigenden Kontrapunkt zur allgemeinen Aufregung der Prüflingschaft bildeten. Tatsächlich – das ist keine poetische Erfindung – brach der erste Sonnenstrahl genau in dem Moment durch die nieselige Wolkendecke, als der Prüfer sein fröhliches "Moin" in die Runde näselte. Das sollte nicht der letzte dramaturgische Eingriff des Wetters gewesen sein.
Nach einer kurzen Unterweisung ging es an die Prüfungsbögen. Ich las alle Fragen sorgfältig durch, zeichnete, weil mein Kugelschreiber den Geist aufgab, jedes Kreuzchen doppelt nach und las mir am Ende sogar alle Fragen und Antworten ein zweites Mal durch. Länger als zehn Minuten kann es trotzdem nicht gedauert haben, bis ich abgab.
Danach stellten wir uns in unseren Zweier-Teams auf den Steg und warteten darauf, an die Reihe zu kommen.
“Fühlt sich an, wie die Schlange zum Schafott”, witzelte ich.
Wir waren die Vorletzten, und das auch nur, weil das Team vor uns noch mal zurück zu den Spinden gegangen war und sich dann hinter uns eingereiht hatte. Sie hatten ihre Sonnenbrillen geholt, denn inzwischen war der Himmel vollständig aufgeklart.
Während wir warteten, beobachtete ich entzückt die junge Haubentaucherfamilie, die in das Hafenbecken geschwommen kam. Vater Haubentaucher erjagte, angefeuert von den ungeduldig piepsenden Jungvögeln, Fisch um Fisch, und die gierigen Mäuler verschlangen sie am ganzen Stück.
Ab und zu blinzelte ich zu unseren Mitprüflingen rüber, die sich einige Meter entfernt durch die Manöver quälten.
Es ging kaum Wind, was, wie man sich denken kann, dem Segeln eher abträglich ist und als erschwerte Bedingung gilt. Dafür drehte der Wind auch nicht – eine echte Seltenheit. Die Segeltrainer scherzten gerne, dass es schon ausreiche, wenn irgendein Villenbewohner am Ufer die Fenster aufreiße. Aber bei Flaute hatten hier selbst die Gäste des Fontenay keinen Einfluss auf's Wetter.
Ich war vielleicht die einzige Person, die sich über diese Verhältnisse freute. Klar – ein bisschen mehr Wind wäre nicht schlecht gewesen. Aber besser so, sagte ich mir, als einer dieser stürmischen Tage.
Kurz bevor die Reihe an uns kam, wurden wir vom zweiten Seebärprüfer zurückgepfiffen, um noch schnell die Knoten vorzuführen. Wir stellten uns alle an die Stange mit den Seilen und führten Achtknoten, Kreuzknoten, Palstek, Schotstek und Stopperstek vor. Der Prüfer rief die Namen der Knoten und wir knoteten gleichzeitig drauf los. Beim Stopperstek wollte er den Knoten eigentlich in die andere Richtung haben, aber "das gehe jetzt schon in Ordnung". Erst wollte ich mich über mich ärgern, schließlich hatten wir die richtige Richtung beim Stopperstek vor wenigen Stunden nachgeschaut. Nachdem wir unsere Stempel erhalten hatten, erzählte H., er habe den Achtknoten nicht mehr hinbekommen.
"Der Prüfer hat aber zum Glück nicht richtig hingeschaut."
Da ließ ich das mit dem Ärgern.
Das Herz schlug mir noch immer im Hals, aber nun hatte ich zwei von drei Teilprüfungen bereits in der Tasche. Zurück auf dem Steg rückten wir vor bis auf Platz Zwei. Vor der Segelschule wurden bereits die ersten Grillwürstchen verteilt.
Plötzlich verabredeten sich alle Villenbewohner und Hotelgäste gleichzeitig zum Stoßlüften: Am westlichen Ufer braute sich was zusammen, dunkle Wolken türmten sich auf. Eine Böe – erster Unglücksbote – zupfte an unseren Jacken. Doch ich war viel zu aufgeregt, um den Wetterumschwung gebührend zu würdigen; ich wollte jetzt bloß die Prüfung hinter mich bringen.
"Wer fängt an?", fragte ich mit schriller Stimme.
H. schaute mir zwei Sekunden lang in die Augen und entschied: "Ich fange an."
Während sich H. am Ruder einrichtete, zog ich unser Boot zum Ende des Stegs.
Bei der Prüfung darf man es sich so einfach wie möglich machen und von ganz vorne starten, wo man sich nur noch richtig abstoßen muss, um fast schon aus dem Hafen raus zu sein. Allerdings ist eben das die Voraussetzung: dass man – das heißt der Vorschoter, in diesem Fall ich – das Boot richtig abstößt.
Zum Schutz des Stegs waren an der Ecke Autoreifen angebracht, die gerade genug im Weg waren, um meinen Schwung auszubremsen, sodass ich das Boot nur kraftlos nach hinten statt nach vorne drückte, wo es sich, während ich aufstieg, in die falsche Richtung zu drehen begann.
"Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid", murmelte ich – gerade leise genug, dass es der Prüfer nicht hören konnte.
"Macht nichts. Macht gar nichts", sagte H. mit betont ruhiger Stimme und wendete uns elegant einmal rund durchs Hafenbecken und hinaus.
"Jetzt habe ich dir das Ablegen versaut", jammerte ich, als wir außer Hörweite des Prüfers waren.
"Ach Quatsch – hat doch alles super geklappt. Das war nicht deine Schuld."
"Doch", widersprach ich, hielt dann aber die Klappe, damit er sich auf die restlichen Manöver konzentrieren konnte. Sofort war klar, dass sich das Problem des zu geringen Windes erledigt hatte. Wir bauten schön Geschwindigkeit auf. H. fuhr die erste Wende, die zweite, nach der dritten landeten wir in einem perfekten Halbwindkurs, sodass er gleich das Markus-über-Bord-Manöver anschließen konnte. Nachdem Markus aus dem Wasser gezogen war, fuhren wir wieder an und es folgte die Halse, aus der heraus wir uns in genau den richtigen Winkel zum Hafen drehten. H. musste nur noch reinfahren, aufschießen und Glückwünsche abholen – Segelschein bestanden!
Vor dem Wechsel schaute ich schnell hoch auf die Verklicker: Der Wind war minimal ablandiger geworden, aber im Grunde musste ich bloß demselben Kurs folgen, den H. gerade vorgezeichnet hatte.
„Okay, dann...“, hob ich an, um das Kommando zum Ablegen zu geben.
H. hatte mich in diesem Moment bereits abgestoßen, sodass ich nur ein überraschtes „oh“ hinzufügen konnte und schnell die Pinne aus der Halterung löste.
„Oh“, wiederholte der Prüfer mit einem gutmütigen Lachen.
Schon fuhren wir los. Der Wind hatte weiter angezogen. Ich brachte uns auf einen Amwindkurs und führte die erste Wende durch, mit der wir geradewegs auf Kollisionskurs zum Ruderhaus gingen, sodass ich schon wenige Sekunden später zur nächsten Wende rief.
„Ree!“
Ich drückte die Pinne herum und wechselte wieder die Seite.
Hochkonzentriert suchte ich nach einem besseren Kurs. Erst nach der dritten Wende waren wir endlich aus dem Windschatten des Hafens heraus. Das Boot raste über das Wasser und mein Herzschlag beschleunigte sich im Tempo der zunehmenden Geschwindigkeit.
Ich blickte kurz nach rechts und sah unser Geschwisterboot, das mit bedrohlich tiefer Krängung im Wasser lag.
Oha, hatte ich noch Zeit zu denken, dann legten auch wir uns Richtung Wasser. Ich schrie auf.
„Alles gut“, rief H.
Ich fierte die Schot, wie man es uns beigebracht hatte, um die Krängung zu verringern. Das Großsegel kam mir plötzlich doppelt so groß vor, wie es da so wütend im Wind flatterte und kaum zu bändigen war.
Tatsächlich war das Segel deutlich zu groß für diese Windverhältnisse: Da es vor einer halben Stunde noch so gut wie windstill gewesen war, hatte niemand daran gedacht, das Segel zu reffen. Wir waren im Training schon einige Male in ähnlich starken Winden gesegelt – aber nie bei voller Segelfläche.
„Klar zur Wende“, rief ich noch einmal.
Durch unsere Geschwindigkeit hatten wir uns bereits viel weiter vom Ufer entfernt, als es für die Prüfung vorgesehen war. Für den Moment war mir das aber ganz recht: So verhallten meine Angstschreie hoffentlich außer Hörweite.
Wir wendeten. Dann kam der Wolkenbruch. Ich nahm nur peripher wahr, wie ich innerhalb weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässt wurde. Auf Halbwindkurs brausten wir zurück Richtung Ufer.
„Jetzt kannst du Boje-über-Bord machen“, rief H.
Kurz glaubte ich es mit einem Irren zu tun zu haben.
„Ich mache gar nichts“, kreischte ich.
Wie um meinen Worten mehr Gewicht zu verleihen, legten wir uns erneut bedrohlich schief ins Wasser. Ich fierte und fierte, aber der Druck ließ kaum nach. Erst als wir aus der Böe raus waren, richteten wir uns wieder auf und die Geschwindigkeit ließ etwas nach.
„Jetzt Boje über Bord?“
Er hatte komplett den Verstand verloren. Aber ja, erinnerte ich mich, hier ging es nicht nur um’s nackte Überleben – ich hatte auch noch eine Prüfung zu absolvieren.
„Ich mach erst mal die Halse.“
„Ok.“
Bei der Halse dreht sich das Heck des Schiffs durch den Wind. Bei wenig Wind ist das ein recht gemütliches Manöver. In stürmischen Zeiten wie diesen jedoch, so hatte man uns eingebläut, konnte es schnell gefährlich werden. Besser als jetzt, wo wir aus den schlimmsten Böen raus waren, würde es aber nicht werden, fürchtete ich.
Das Großsegel krachte auf die andere Seite und so weit über das Wasser, dass ich, wenn ich nicht daran gedacht hätte, die Schot loszulassen, den Markus gemacht hätte.
Die Prüfung war gelaufen, das wusste ich in diesem Moment: Ich wollte einfach bloß heil zurück ans Ufer gelangen. Überleben ging dann doch vor Prüfung.
Als hätte uns das himmlische Kind gerade genug Verschnaufpause für die Halse gönnen wollen, zog der Wind wieder an und peitschte uns den Regen um die Ohren.
„Ich will nicht mehr, ich will nach Hause.“
„Die lassen auch gerade die Flagge runter, wir sollen zurückkommen.“
Ich blickte zum Steg: tatsächlich! Welch ein Glück! Bloß dass wir uns gerade mit zunehmender Geschwindigkeit vom rettenden Ufer wegbewegten. Als ich wieder nach vorne schaute, nahm ich mit einem Mal all die anderen Boote um uns herum wahr, deren weiße Segel einen unwirklichen Kontrast zum dunklen Himmel bildeten: eine gespenstische Armada, die mit geladenen Kanonen an uns vorbei- und auf das Ufer zustürmte.
„Was soll ich machen“, schrie ich.
„Soll ich übernehmen?“
„Ja!“
Erleichtert stolperte ich in die Schiffsmitte, ließ mich auf die Knie fallen und ergriff die Vorschot.
„Ich mache jetzt eine Wende. Alles klar?“
„Klar“, krächzte ich.
H. drückte das Ruder rum. Im gleichen Augenblick machte ich die Fock los. Wir drehten uns langsam, zu langsam gegen den Wind und wurden auf halbem Weg zurückgedrückt.
„Mist, ich kriege uns nicht rum. Ich versuch‘s noch mal. Klar zur Wende?“
Wieder wurden wir zurückgedrückt. Ich hielt meinen Blick starr auf den Bug gerichtet und atmete stoßweise.
„Mist. Ok. Ich wende jetzt noch mal und du hältst die Fock auf der falschen Seite. Jetzt. Nicht loslassen, ja? Ok. Ok, das sieht doch gut aus. Ja. Ja! Jetzt auf die andere Seite, Fock rüber!“
Langsam, aber diesmal sicher, wendeten wir gegen den Wind. Schnell klemmte ich die Vorschot wieder ein.
„Wir sind auf einem guten Kurs. Ich lege jetzt an.“
Das Anlegen unter Segel ist an stürmischen Tagen ein furchteinflößendes Spektakel für alle, die sich trauen, hinzuschauen: Wie das Schiff mit atemberaubender Geschwindigkeit in das enge Hafenbecken hineinrauscht und im letzten Moment einen 90-Grad-Aufschießer macht, um erstaunlich sanft am Steg anzulangen.
Das heißt: wenn alles klappt, wie geplant. Wenn es stattdessen so läuft, wie bei meinem vorletzten Versuch während der Generalprobe, kann dabei auch mal der gesamte Steg erzittern.
Aber heute saß ja H. am Ruder. So stieg ich zwar nicht elegant wie Jack Sparrow von Bord, dafür sank das Schiff aber auch nicht, während ich den Fuß auf den Steg setzte.
Der Prüfer schritt uns ruhig entgegen. Überhaupt war die Atmosphäre an Land unangemessen unaufgeregt. Während ich noch den Schock verdaute, um Haaresbreite den wilden Wassern entronnen zu sein, schien ich in den Augen der Prüfer und Trainer bloß eine etwas holprige Spazierfahrt erlebt zu haben.
„Wir haben abgebrochen“, sprach H. das Offensichtliche aus.
„Ja, macht nichts. Ihr könnt ja erst mal eine Pause einlegen und dann kann sie schauen, ob sie noch mal rausfährt und den Zweitversuch macht“, erwiderte der Prüfer lapidar.
ICH FAHR DA NIE WIEDER RAUS
„Ok“, sagte ich, „jetzt muss ich mich aber erst mal abtrocknen.“
Als wir zur Segelschule zurückgingen, flüsterte ich H. aufgeregt zu, was ich vom Vorschlag des Prüfers hielt. Am liebsten wäre ich sofort nach Hause gegangen, aber es schüttete immer noch wie aus Kübeln. Unter dem Vordach der Schule standen die erfolgreichen Prüflinge mit Bier und Wurst in der Hand.
„Und?“, strahlte uns die eine Hälfte des Frauenduos entgegen, mit dem wir vor zwei Tagen die Generalprobe absolviert hatten. Die beiden waren ebenfalls mit großer Nervosität in die Prüfung gegangen.
„Oh“, wechselte sie schnell die Stimmlage, als sie mein Gesicht sah, „nein?“
Ich schüttelte den Kopf.
"Wir haben abgebrochen", wiederholte H. seinen Satz. „Das war uns zu viel Wind."
Sie erwiderte etwas Aufmunterndes. Ich nickte wild und lächelte.
„Ja, das war jetzt einfach ein bisschen Pech“, winkte ich ab.
„Aber H. hat‘s geschafft. Und du auch! Glückwunsch.“
“Danke. Aber Mensch, das tut mir echt leid! Wir hatten so gut wie keinen Wind und bei euch jetzt das – verrückt oder?”
“Ja. Verrückt… Na ja, nächstes Mal dann”, lachte ich.
“Ich glaube, ich geh mal rein,” fügte ich hinzu und zeigte verlegen auf meine Jeans, die mir immer noch an den Beinen klebte.
Kaum war ich drinnen, wiederholte sich das Gespräch mit der anderen Hälfte des Frauenduos, bloß dass ich die Sätze jetzt schon viel sicherer aufsagte – keine große Sache, kann passieren, einfach Pech gehabt. Nächstes Mal dann!
Mein Gesicht schien jedoch andere Bände zu sprechen.
“Mach dir nicht zu viel draus”, sagte sie mitleidig und bot mir das Handtuch an, das sie mitgebracht hatte – “für den Fall, dass ich heute ins Wasser falle”.
Dankbar trocknete ich mir das Gesicht ab.
“Na”, kam einer der Trainer hereingestapft.
“Draußen sieht’s schon viel besser aus. Regnet zwar noch ein bisschen, aber ist wieder ruhig. Wer will, kann jetzt noch mal aufs Wasser.”
Zwei Frauen, die in der Ecke standen, schauten sich an, zuckten die Achseln und gingen nach draußen.
“Na, und du?”, fragte der Trainer. "Zweiten Versuch starten?”
“Ne.”
“Sicher nicht? Musst du wissen.”
“Ne ne”, winkte der Mann, der angesprochen worden war, entschlossen ab und starrte weiter wie gebannt aus dem Fenster.
Der Trainer warf einen letzten Blick in die Runde. Ich senkte schnell den Blick. Dann verschwand er wieder Richtung Steg und ließ uns armselige Landratten alleine Trübsal blasen. Wahrscheinlich schüttelte er über uns genauso verwundert den Kopf wie wir über ihn: Dass wir derselben Gattung Mensch angehörten, war ein Wunder, das keiner von uns so recht verstand.
“Können wir jetzt nach Hause?”
“Ja. Komm. Wir gehen nach Hause.”
Und so trat ich ab. Auf dem Weg zum Bus weinte ich, als sei ich meinem Körper diese Geste schuldig.
“Ich will nie mehr so viel Angst haben.”
“Du hast das ganz toll gemacht. Das war nicht deine Schuld.”
“Nein.” Entschieden schüttelte ich den Kopf. “Nie mehr!”
Zu Hause fiel ich erschöpft aufs Sofa und hatte das Gefühl, einen Marathon hinter mir zu haben. Wenige Minuten, nachdem wir uns die nassen Kleider vom Leib gestreift hatten, klingelte es an der Tür. Sofort gingen mir die verrücktesten Fantasien durch den Kopf: Das waren Leute von der Segelschule, die uns hinterhergerannt waren! Ob wir nicht doch noch mal auf’s Wasser wollten?
Tatsächlich war es bloß ein Paketzusteller. Die Regenhosen, die H. vor ein paar Tagen noch schnell bestellt hatte, waren endlich angekommen.
pancreases | 12. Juni 26 | 0 Kommentare
| Kommentieren
Das Herz sollte voll sein, überquellen.
Ich schaue diesen Menschen zu, die ich nun mehrere Monate lang erleben durfte, wie sie als Statuen nach tausend Jahren erwachten, unsichtbare Bälle verschiedenster Größe und Temperatur durch die Luft warfen, sich kleine Szenen ausdachten, probten, spielten, improvisierten, - schaue zu, wie die jetzt alle auf dieser Bühne stehen und etwas abliefern, dem ein kleiner Zauber innewohnt. Jeder und jede holt noch mal etwas raus, das in den Proben nicht da war: etwas eigenes.
Für den Theaterverein ist es nur eine Werkstattaufführung, aber für uns ist es der kröhnende Abschluss unseres dienstäglichen Zusammen-Spiels.
Dann bin ich dran. Ich betrete die Bühne und spiele mich selbst - oder jedenfalls eine Figur, der ich bloß die Erlaubnis geben muss, vor das Publikum zu treten: Changierend zwischen Wut und Liebe und Sorge und Hass.
"Haben wir was vergessen?", fragt meine Frau, als wir wieder unten sind. "Ich glaube nicht", sage ich, "aber es war echt schnell vorbei".
Einige haben schon viel Erfahrung - J. erzählt heute, dass er im Herbst auf die Schauspielschule gehen wird -, andere weniger, nur eine hat keine. Wobei mir diese Aussage gänzlich falsch vorkommt. Bloß weil das meine erste Teilnahme an einem Theaterworkshop war, heißt das ja nicht, dass ich keine Erfahrung habe: Spielen wir nicht alle Theater, jeden Tag, immer?
Hier hat man wenigstens für kurze Zeit die Erlaubnis, man selbst zu sein: laut, albern, überspannt.
Als ich alleine an der Haltestelle stehe und auf die U3 warte, ist jedes Danke gesagt, alle Menschen umarmt, und ich weiß: einige sehe ich nie wieder. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb mir das Herz schwer wird. Die inneren Stimmen drehen ihre Lautstärke wieder auf. Biebertopf sagt, man müsse Gegenstimmen entwickeln, Zwiegespräche führen, aber das kommt mir in diesem Moment völlig sinnlos vor: Was soll ich da erwidern, sie haben doch einfach Recht, sie sprechen bloß die Wahrheit aus. Ich bin nun mal (wieder, wie immer) die einzige Person aus der Gruppe, die außen vor bleibt, die niemand richtig mag, deren Namen nicht mal alle kennen.
Kaum fällt der Vorhang, wird der Clown wieder selbstmitleidig.
Fast wäre ich zum ersten Treffen nicht hingegangen. Tatsächlich war ich bereits umgekehrt: Ich stand vor dem Theater und sah eine Gruppe Menschen durch die Glastür. Da machte ich auf dem Absatz kehrt und ging geradewegs den Weg zurück, den ich gekommen war. Der Gedanke, gleich so vielen neuen Gesichtern zu begegnen, machte mir Angst.
Ich muss ja nicht, dachte ich.
Ich gehe einfach wieder heim.
Gehe heim und muss nicht erleben, wie mich - mich allein - keiner mag.
Nach ein paar Schritten kehrte ich erneut um.
Ich kann ja nächstes Mal zu Hause bleiben, wenn's so schlimm wird.
Aber dann hatte ich Pech, denn es wurde gar nicht schlimm, sondern richtig toll: die Menschen, das Spielen, alles. Alles, bis auf das.
Das Stück, das wir heute in Auszügen spielten, heißt "Haltestelle. Geister." Ganz passend, finde ich.
Ich schaue diesen Menschen zu, die ich nun mehrere Monate lang erleben durfte, wie sie als Statuen nach tausend Jahren erwachten, unsichtbare Bälle verschiedenster Größe und Temperatur durch die Luft warfen, sich kleine Szenen ausdachten, probten, spielten, improvisierten, - schaue zu, wie die jetzt alle auf dieser Bühne stehen und etwas abliefern, dem ein kleiner Zauber innewohnt. Jeder und jede holt noch mal etwas raus, das in den Proben nicht da war: etwas eigenes.
Für den Theaterverein ist es nur eine Werkstattaufführung, aber für uns ist es der kröhnende Abschluss unseres dienstäglichen Zusammen-Spiels.
Dann bin ich dran. Ich betrete die Bühne und spiele mich selbst - oder jedenfalls eine Figur, der ich bloß die Erlaubnis geben muss, vor das Publikum zu treten: Changierend zwischen Wut und Liebe und Sorge und Hass.
"Haben wir was vergessen?", fragt meine Frau, als wir wieder unten sind. "Ich glaube nicht", sage ich, "aber es war echt schnell vorbei".
Einige haben schon viel Erfahrung - J. erzählt heute, dass er im Herbst auf die Schauspielschule gehen wird -, andere weniger, nur eine hat keine. Wobei mir diese Aussage gänzlich falsch vorkommt. Bloß weil das meine erste Teilnahme an einem Theaterworkshop war, heißt das ja nicht, dass ich keine Erfahrung habe: Spielen wir nicht alle Theater, jeden Tag, immer?
Hier hat man wenigstens für kurze Zeit die Erlaubnis, man selbst zu sein: laut, albern, überspannt.
Als ich alleine an der Haltestelle stehe und auf die U3 warte, ist jedes Danke gesagt, alle Menschen umarmt, und ich weiß: einige sehe ich nie wieder. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb mir das Herz schwer wird. Die inneren Stimmen drehen ihre Lautstärke wieder auf. Biebertopf sagt, man müsse Gegenstimmen entwickeln, Zwiegespräche führen, aber das kommt mir in diesem Moment völlig sinnlos vor: Was soll ich da erwidern, sie haben doch einfach Recht, sie sprechen bloß die Wahrheit aus. Ich bin nun mal (wieder, wie immer) die einzige Person aus der Gruppe, die außen vor bleibt, die niemand richtig mag, deren Namen nicht mal alle kennen.
Kaum fällt der Vorhang, wird der Clown wieder selbstmitleidig.
Fast wäre ich zum ersten Treffen nicht hingegangen. Tatsächlich war ich bereits umgekehrt: Ich stand vor dem Theater und sah eine Gruppe Menschen durch die Glastür. Da machte ich auf dem Absatz kehrt und ging geradewegs den Weg zurück, den ich gekommen war. Der Gedanke, gleich so vielen neuen Gesichtern zu begegnen, machte mir Angst.
Ich muss ja nicht, dachte ich.
Ich gehe einfach wieder heim.
Gehe heim und muss nicht erleben, wie mich - mich allein - keiner mag.
Nach ein paar Schritten kehrte ich erneut um.
Ich kann ja nächstes Mal zu Hause bleiben, wenn's so schlimm wird.
Aber dann hatte ich Pech, denn es wurde gar nicht schlimm, sondern richtig toll: die Menschen, das Spielen, alles. Alles, bis auf das.
Das Stück, das wir heute in Auszügen spielten, heißt "Haltestelle. Geister." Ganz passend, finde ich.
pancreases | 11. Juni 26 | 0 Kommentare
| Kommentieren
Soweit ich mich erinnern kann, bin ich noch nie durch eine Prüfung gefallen. Das liegt vor allem daran, dass ich mir den PKW-Führerschein gespart habe. Autofahren ist was für Spießbürger. Ich bin cool und lasse mich kutschieren.
Nun besteht aber eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich diese Versagenserfahrung nächsten Freitag nachholen werde. Allerdings nicht für PKW, sondern für "Sportboote unter Segel". Siebenunddreißig Fragen in 60 Minuten beantworten - ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass ich diesen Teil der Prüfung schaffen werde. Auch die Knoten sollte ich hinbekommen, man hat ja zwei Versuche. Aber dann: Ablegen, Wende, Halse, Boje (genauer: Wasserkanister Markus) retten, anlegen.
Ich bin, was die praktische Intelligenz betrifft, schlicht und ergreifend minderbemittelt. Irgendwie war mir das schon immer klar, aber so richtig vollständig bewusst wurde mir das erst in den letzten Jahren. Vorletzte Woche stellte ich es wieder unter Beweis, als ich, ohne darüber nachzudenken, in eine angeschlossene Steckdose griff, weil ein Kontaktteil des Steckers darin steckengeblieben war. Wahrscheinlich war es mein Glück, dass der Stromschlag schon einsetzte, bevor ich richtig zugegriffen hatte. Gut, dieses Beispiel mag noch durch den Affekt des Moments wegzuerklären sein, aber andere, weniger wegerklärliche Beispiele gibt es zur Genüge. Als H. mich fragte, ob die von ihm bestellte Bierzapfanlage schon angekommen sei, und just an diesem Tag ein flaches, circa 20 Zentimeter großes Päckchen zugestellt worden war, antwortete ich "vielleicht".
Zurück zum Segeln. Hier kommt noch hinzu, dass ich unter Druck - etwa jenem Druck, der entsteht, wenn man unter Segeln in den Hafen einfahren muss - leicht in Panik gerate und mangels Emotionsregulation nicht in der Lage bin, Frustrationen - etwa jene Frustrationen, die entstehen, wenn man Markus nicht aus dem Wasser ziehen konnte - schnell zu verarbeiten. Gestern beim Üben klappte wenig und es wurde definitiv nicht besser dadurch, dass ich sofort wütend wurde und spätestens nach dem zweiten Fehlversuch beschloss, nicht zur Prüfung anzutreten. Was jetzt übrigens nicht mehr geht, ohne trotzdem die kompletten Gebühren entrichten zu müssen. Segeln, das musste ich in den letzten Wochen feststellen, gehört nicht zu den günstigen Hobbies. Dennoch war mir das Geld in diesem Moment scheißegal, ich war fest entschlossen, die Prüfung einfach sein zu lassen.
Das wäre selbstverständlich vollkommen irrational, wie überhaupt meine ganze Prüfungsangst irrational ist. Ich kann da einfach hingehen, versagen und nach Hause gehen - who fucking cares? Keiner nämlich.
Ich könnte sogar weiterhin segeln, ohne die Prüfung zu bestehen! Ich brauche diesen Schein gar nicht, den braucht man nämlich nur bei "Fahrzeugen unter 20 Metern Länge (ohne Ruder und Bugspriet) mit einer größeren Nutzleistung als 11,03 kW (15 PS) bei Verbrennungsmotoren bzw. 7,5 kW (10,20 PS) bei Elektromotoren (maßgeblich ist die Betriebsart S1 (Dauerbetrieb)". Ja, das ist eine Prüfungsfrage und ja, diesen Text habe ich hier reinkopiert. Man muss das nämlich nicht frei wiedergeben können, sondern lediglich eine Multiple Choice Frage beantworten.
Das Problem besteht bloß darin, dass einem in der Regel ohne Schein niemand ein Segelboot ausleiht. Aber erstens wird mir unsere Segelschule, die sich an dem einzigen Ort befindet, an dem ich jemals segeln wollen werde, bestimmt auch ohne Schein ein Boot ausleihen, weil sie mein Gesicht kennen, und zweitens wird H. die Prüfung sicher bestehen, und da ich sowieso immer nur mit H. segeln wollen werde, genügt das vollkommen.
Das Wichtigste - viel wichtiger als die Prüfung - sei ja auch, dass ich Segeln gelernt hätte, sagt H. In der Praxis sei doch vollkommen egal, ob ich wenige Zentimer an dem ständig über Bord gehenden Markus vorbeischwoje und ihn deshalb nicht an den Haaren zu packen bekomme. Der echte Markus hat ja eine Schwimmweste an und kann - das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, Markus! - ein klein wenig mit den Entenfüßchen strampeln, um ans Boot zu gelangen.
Also alles paletti. Darum schreibe ich diesen Text: alles paletti, Drüse! Wie dumm, sich wegen so einer Prüfung das neue Hobby madig zu machen.
Nach der gestrigen Misere haben wir unsere heutige Doppelstunde zu einer doppelten Doppelstunde umgebucht. Doppelt doppelter Spaß! Kein bisschen habe ich null Bock, kein bisschen denke ich darüber nach, mich selbst zu sabotieren und jegliche Vorbereitung sausen zu lassen, vielleicht sogar absichtlich durch die theoretische Prüfung zu fallen, damit es nicht allein an der praktischen lag (nein, das wäre wirklich gar zu dumm: mit der theoretischen kann man theoretisch nämlich noch den Motorbootschein machen, was, wie ich hörte, deutlich einfacher ist als Segeln).
Im Übrigen, auch das lohnt der Feststellung, ist ja noch gar nicht gesagt, dass ich durchfallen werde! Das sind uns die Liebsten, nicht wahr: Heulen eine Woche vorher rum, wie wenig sie können, nur um dann geradezu durch die Prüfung zu segeln (haha).
Könnte natürlich auch sein, dass ich mich mit dem Fuß in einer Schot verheddere und so falle, dass ich mit dem Kopf unter Wasser, mit den Füßen aber noch an Bord hänge, mich nicht aufrichten kann und so nachhole, was die Steckdose nicht geschafft hat. Ich würde es mir zutrauen.
Nun besteht aber eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich diese Versagenserfahrung nächsten Freitag nachholen werde. Allerdings nicht für PKW, sondern für "Sportboote unter Segel". Siebenunddreißig Fragen in 60 Minuten beantworten - ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass ich diesen Teil der Prüfung schaffen werde. Auch die Knoten sollte ich hinbekommen, man hat ja zwei Versuche. Aber dann: Ablegen, Wende, Halse, Boje (genauer: Wasserkanister Markus) retten, anlegen.
Ich bin, was die praktische Intelligenz betrifft, schlicht und ergreifend minderbemittelt. Irgendwie war mir das schon immer klar, aber so richtig vollständig bewusst wurde mir das erst in den letzten Jahren. Vorletzte Woche stellte ich es wieder unter Beweis, als ich, ohne darüber nachzudenken, in eine angeschlossene Steckdose griff, weil ein Kontaktteil des Steckers darin steckengeblieben war. Wahrscheinlich war es mein Glück, dass der Stromschlag schon einsetzte, bevor ich richtig zugegriffen hatte. Gut, dieses Beispiel mag noch durch den Affekt des Moments wegzuerklären sein, aber andere, weniger wegerklärliche Beispiele gibt es zur Genüge. Als H. mich fragte, ob die von ihm bestellte Bierzapfanlage schon angekommen sei, und just an diesem Tag ein flaches, circa 20 Zentimeter großes Päckchen zugestellt worden war, antwortete ich "vielleicht".
Zurück zum Segeln. Hier kommt noch hinzu, dass ich unter Druck - etwa jenem Druck, der entsteht, wenn man unter Segeln in den Hafen einfahren muss - leicht in Panik gerate und mangels Emotionsregulation nicht in der Lage bin, Frustrationen - etwa jene Frustrationen, die entstehen, wenn man Markus nicht aus dem Wasser ziehen konnte - schnell zu verarbeiten. Gestern beim Üben klappte wenig und es wurde definitiv nicht besser dadurch, dass ich sofort wütend wurde und spätestens nach dem zweiten Fehlversuch beschloss, nicht zur Prüfung anzutreten. Was jetzt übrigens nicht mehr geht, ohne trotzdem die kompletten Gebühren entrichten zu müssen. Segeln, das musste ich in den letzten Wochen feststellen, gehört nicht zu den günstigen Hobbies. Dennoch war mir das Geld in diesem Moment scheißegal, ich war fest entschlossen, die Prüfung einfach sein zu lassen.
Das wäre selbstverständlich vollkommen irrational, wie überhaupt meine ganze Prüfungsangst irrational ist. Ich kann da einfach hingehen, versagen und nach Hause gehen - who fucking cares? Keiner nämlich.
Ich könnte sogar weiterhin segeln, ohne die Prüfung zu bestehen! Ich brauche diesen Schein gar nicht, den braucht man nämlich nur bei "Fahrzeugen unter 20 Metern Länge (ohne Ruder und Bugspriet) mit einer größeren Nutzleistung als 11,03 kW (15 PS) bei Verbrennungsmotoren bzw. 7,5 kW (10,20 PS) bei Elektromotoren (maßgeblich ist die Betriebsart S1 (Dauerbetrieb)". Ja, das ist eine Prüfungsfrage und ja, diesen Text habe ich hier reinkopiert. Man muss das nämlich nicht frei wiedergeben können, sondern lediglich eine Multiple Choice Frage beantworten.
Das Problem besteht bloß darin, dass einem in der Regel ohne Schein niemand ein Segelboot ausleiht. Aber erstens wird mir unsere Segelschule, die sich an dem einzigen Ort befindet, an dem ich jemals segeln wollen werde, bestimmt auch ohne Schein ein Boot ausleihen, weil sie mein Gesicht kennen, und zweitens wird H. die Prüfung sicher bestehen, und da ich sowieso immer nur mit H. segeln wollen werde, genügt das vollkommen.
Das Wichtigste - viel wichtiger als die Prüfung - sei ja auch, dass ich Segeln gelernt hätte, sagt H. In der Praxis sei doch vollkommen egal, ob ich wenige Zentimer an dem ständig über Bord gehenden Markus vorbeischwoje und ihn deshalb nicht an den Haaren zu packen bekomme. Der echte Markus hat ja eine Schwimmweste an und kann - das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt, Markus! - ein klein wenig mit den Entenfüßchen strampeln, um ans Boot zu gelangen.
Also alles paletti. Darum schreibe ich diesen Text: alles paletti, Drüse! Wie dumm, sich wegen so einer Prüfung das neue Hobby madig zu machen.
Nach der gestrigen Misere haben wir unsere heutige Doppelstunde zu einer doppelten Doppelstunde umgebucht. Doppelt doppelter Spaß! Kein bisschen habe ich null Bock, kein bisschen denke ich darüber nach, mich selbst zu sabotieren und jegliche Vorbereitung sausen zu lassen, vielleicht sogar absichtlich durch die theoretische Prüfung zu fallen, damit es nicht allein an der praktischen lag (nein, das wäre wirklich gar zu dumm: mit der theoretischen kann man theoretisch nämlich noch den Motorbootschein machen, was, wie ich hörte, deutlich einfacher ist als Segeln).
Im Übrigen, auch das lohnt der Feststellung, ist ja noch gar nicht gesagt, dass ich durchfallen werde! Das sind uns die Liebsten, nicht wahr: Heulen eine Woche vorher rum, wie wenig sie können, nur um dann geradezu durch die Prüfung zu segeln (haha).
Könnte natürlich auch sein, dass ich mich mit dem Fuß in einer Schot verheddere und so falle, dass ich mit dem Kopf unter Wasser, mit den Füßen aber noch an Bord hänge, mich nicht aufrichten kann und so nachhole, was die Steckdose nicht geschafft hat. Ich würde es mir zutrauen.
Ob andere Leute auch so hässliche Gedanken haben, frage ich mich gelegentlich, aber ich bin mir fast ganz sicher, dass H. nicht solche Gedanken über mich hat, wie ich sie über ihn öfter habe, und das trägt wohl dazu bei, dass H. insgesamt ein netterer, ausgeglichenerer, seelisch unbeschwerterer Mensch ist als ich. Ein Mensch, den die Menschen mögen - ganz besonders ich - ganz anders als mich - und das ganz zu Recht.
Als H. verkündete, er werde wohl krank, rümpfte ich innerlich die Nase. Schon wieder, dachte ich, und war ja klar und jetzt wird er sich schon wieder vorm Sport drücken. Ich schalt mich einen Unempathen und verbat mir weitere Gedanken in diese Richtung. Tags darauf war die Erkältung tatsächlich da und seine Nase lief ganz ungeniert. Am zweiten Tage, da sich bei mir immer noch keine Symptome regten und ich mich in Sicherheit wähnte, geriet ich abermals ins Denken, diesmal jedoch in einer weniger herabsetzenden als vielmehr mich selbst überhöhenden Weise, ja ich geriet geradezu ins Schwärmen. Sieh einmal an, dachte ich, meinen Körper haut so schnell nichts um. Ich werde nicht krank - wann war ich das letzte Mal krank? Ich erinnere mich schon gar nicht mehr, so lange muss das her sein. Jahre ist das her.
Der Kranke ist von jeher einem Werturteil ausgesetzt. Sein Zustand hat etwas Anrüchiges, Sündhaftes. Hat er die Krankheit nicht durch seine Laster selbst verschuldet? Ist sie nicht wenigstens Ausdruck einer schwächlichen Physis?
Zugleich ist der Kranke dem Leben ent- und dem Tod ein Stückchen nähergerückt. Er ist unangreifbar, erhaben. Sein Referenzrahmen ist nicht mehr der unsere: statt voll am Leben teilzunehmen, kommt er gerne ins Sinnieren, denn erstens hat er Zeit und zweitens ein Bein bereits im Jenseits.
Solcher und ähnlicher Blödsinn ist schon von weit klügeren Köpfen über den Kranken gedacht und geschrieben worden. Als eine, deren Vater sogar die heilige Krankheit hatte, würde man glauben, dass ich mit mehr Verstand oder - auch möglich - leicht verklärt auf die Sache blicken würde. Stattdessen, ach, nur der gleiche vormoderne Stuss in neuem Gewand.
H. ist ständig krank, während ich niemals krank bin, dachte ich mit nicht wenig Stolz, und sogleich hatte ich den Grund dafür ausgemacht. Nicht nur war mein Körper unkaputtbar, auch war ich ja diejenige, die dem Gospel der Zeit folgte: Sport und gesunde Ernährung. H. hingegen war ein ausgemachter Sünder und als solcher sühnte er. So die unbestechliche Logik.
Nur kam der dritte Tag, an dem ich einen unstillbaren Durst empfand. Erst abends ging mir auf, dass es sich um heraufziehende Halsschmerzen handeln könnte. Dadurch geriet meine innere Überzeugung jedoch nur kurz ins Wanken - zu tief der Glaube an die eigene Unbezwingbarkeit. Natürlich würde ich dieses kleine Ärgernis im Keim ersticken können. Am nächsten Tag trank ich zwei Kannen Tee und da alles blieb, wie es war - wenn auch weiterhin mit Halsschmerzen, so doch wenigstens nicht mit schlimmeren - war ich mir des Sieges schon gewiss. Da sieht man's wieder, dachte ich, man muss sich nur einmal zusammenreißen.
Auch H. hätte das Virus in die Flucht schlagen können, hätte er sich nur ein wenig angestrengt. In mir war das strahlende Gegenbeispiel zu sehen: Schon das Konzept des Krankseins war unvereinbar mit meiner Gesamtkonstitution.
Dass ich, als sie tags darauf offen ausbrach, vor der Krankheit völlig einknickte, ist verständlich und mit nichts als Empathie zu begegnen, schließlich bin ich - anders als viele andere, H. eingeschlossen - das Kranksein nicht gewohnt. Noch während ich meine Gliederschmerzen beklagte und H. immer wieder laut jammernd an seine Fürsorgepflicht erinnerte, triumphierte ein kleiner Teil in mir: ein Tag Gliederschmerzen, höchstens zwei, dann war diese peinliche Episode auch schon ausgestanden. Mein Körper hielt sich nicht mit wochenlangen Erkältungssymptomen auf. Kein Geschniefe, kein Gehuste. Es war daher, so dachte ich still bei mir, auch nur recht, dass ich mich einmal - da mir das sonst nur alle paar Jubeljahre vergönnt war - so richtig Bejammern und Bemuttern ließ.
Der sechste Tag brachte unvorhergesehene Wendungen. Doch den Rest der Geschichte spare ich mir. Über die Kranken nur Gutes.
Als H. verkündete, er werde wohl krank, rümpfte ich innerlich die Nase. Schon wieder, dachte ich, und war ja klar und jetzt wird er sich schon wieder vorm Sport drücken. Ich schalt mich einen Unempathen und verbat mir weitere Gedanken in diese Richtung. Tags darauf war die Erkältung tatsächlich da und seine Nase lief ganz ungeniert. Am zweiten Tage, da sich bei mir immer noch keine Symptome regten und ich mich in Sicherheit wähnte, geriet ich abermals ins Denken, diesmal jedoch in einer weniger herabsetzenden als vielmehr mich selbst überhöhenden Weise, ja ich geriet geradezu ins Schwärmen. Sieh einmal an, dachte ich, meinen Körper haut so schnell nichts um. Ich werde nicht krank - wann war ich das letzte Mal krank? Ich erinnere mich schon gar nicht mehr, so lange muss das her sein. Jahre ist das her.
Der Kranke ist von jeher einem Werturteil ausgesetzt. Sein Zustand hat etwas Anrüchiges, Sündhaftes. Hat er die Krankheit nicht durch seine Laster selbst verschuldet? Ist sie nicht wenigstens Ausdruck einer schwächlichen Physis?
Zugleich ist der Kranke dem Leben ent- und dem Tod ein Stückchen nähergerückt. Er ist unangreifbar, erhaben. Sein Referenzrahmen ist nicht mehr der unsere: statt voll am Leben teilzunehmen, kommt er gerne ins Sinnieren, denn erstens hat er Zeit und zweitens ein Bein bereits im Jenseits.
Solcher und ähnlicher Blödsinn ist schon von weit klügeren Köpfen über den Kranken gedacht und geschrieben worden. Als eine, deren Vater sogar die heilige Krankheit hatte, würde man glauben, dass ich mit mehr Verstand oder - auch möglich - leicht verklärt auf die Sache blicken würde. Stattdessen, ach, nur der gleiche vormoderne Stuss in neuem Gewand.
H. ist ständig krank, während ich niemals krank bin, dachte ich mit nicht wenig Stolz, und sogleich hatte ich den Grund dafür ausgemacht. Nicht nur war mein Körper unkaputtbar, auch war ich ja diejenige, die dem Gospel der Zeit folgte: Sport und gesunde Ernährung. H. hingegen war ein ausgemachter Sünder und als solcher sühnte er. So die unbestechliche Logik.
Nur kam der dritte Tag, an dem ich einen unstillbaren Durst empfand. Erst abends ging mir auf, dass es sich um heraufziehende Halsschmerzen handeln könnte. Dadurch geriet meine innere Überzeugung jedoch nur kurz ins Wanken - zu tief der Glaube an die eigene Unbezwingbarkeit. Natürlich würde ich dieses kleine Ärgernis im Keim ersticken können. Am nächsten Tag trank ich zwei Kannen Tee und da alles blieb, wie es war - wenn auch weiterhin mit Halsschmerzen, so doch wenigstens nicht mit schlimmeren - war ich mir des Sieges schon gewiss. Da sieht man's wieder, dachte ich, man muss sich nur einmal zusammenreißen.
Auch H. hätte das Virus in die Flucht schlagen können, hätte er sich nur ein wenig angestrengt. In mir war das strahlende Gegenbeispiel zu sehen: Schon das Konzept des Krankseins war unvereinbar mit meiner Gesamtkonstitution.
Dass ich, als sie tags darauf offen ausbrach, vor der Krankheit völlig einknickte, ist verständlich und mit nichts als Empathie zu begegnen, schließlich bin ich - anders als viele andere, H. eingeschlossen - das Kranksein nicht gewohnt. Noch während ich meine Gliederschmerzen beklagte und H. immer wieder laut jammernd an seine Fürsorgepflicht erinnerte, triumphierte ein kleiner Teil in mir: ein Tag Gliederschmerzen, höchstens zwei, dann war diese peinliche Episode auch schon ausgestanden. Mein Körper hielt sich nicht mit wochenlangen Erkältungssymptomen auf. Kein Geschniefe, kein Gehuste. Es war daher, so dachte ich still bei mir, auch nur recht, dass ich mich einmal - da mir das sonst nur alle paar Jubeljahre vergönnt war - so richtig Bejammern und Bemuttern ließ.
Der sechste Tag brachte unvorhergesehene Wendungen. Doch den Rest der Geschichte spare ich mir. Über die Kranken nur Gutes.
Die letzten beiden Texte könnten den Eindruck erwecken, ich sei ein Workaholic. In Wirklichkeit bin ich aber bloß ein extremer Phasenmensch: Ich alterniere zwischen Wellenbergen und Wellentälern. Manchmal schaffe ich es auch, dazwischen zu surfen, das hält aber meisten nicht lange an. Der Grund, weshalb ich wohl doch nie den Beruf wechseln werde, auch wenn ich in Wellentälern alle fünf Minuten darüber nachdenke, ist, dass er mir erlaubt, genau so ein Mensch zu sein: Ich kann halbe oder ganze Tage im Bett bleiben, wenn mir das Aufstehen zu schwer fällt, dafür bin ich aber auch am Wochenende, im Urlaub oder an Feiertagen nicht gezwungen, den Laptop zuzuklappen. Natürlich haben die Meetings, Deadlines und Pflichten im Laufe der Jahre deutlich zugenommen. Wenn ich so darüber nachdenke, wüsste ich tatsächlich nicht, wann ich das nächste Mal wirklich aus dem Bett heraus arbeiten könnte, wenn ich das wollte. Na ja, zum Glück will ich gerade gar nicht.
Momentan fühle ich mich geradezu in Balance. Leider kann ich die Anzeichen des Kipppunktes bereits spüren: Große Müdigkeit und die vernunftwidrige Weigerung, ihr entgegenzuwirken. Zum Beispiel sitze ich jetzt hier um 23:45 Uhr und schreibe einen belanglosen Text statt zu schlafen, dabei muss ich morgen um 5 Uhr aufstehen, um mein wöchentliches Pendelpensum zu absolvieren. Das ist bei näherer Betrachtung nicht besonders schlau.
Heute war aber ein ganz netter Tag. Die erste halbe Stunde war die unschönste, denn Biebertopf schrieb mir, dass er krank sei, und so kämpfte ich mit Panik und Tränen, bis mich der Beginn des ersten Meetings davon ablenkte. Insgesamt gab es heute drei Meetings, wobei eines nur ein Vortrag war, dem ich zuhörte. Um 11 Uhr unterbrach ich den Tag für einen Gang zum Friseur und freute mich darüber, dieses seit ungefähr einem Jahr offene To Do endlich abhaken zu können. Auf dem Nachhauseweg dachte ich darüber nach, wie viel Zufriedenheit ich aus dem reinen Abhaken von Aufgaben ziehen kann. Gerade unangenehme und/oder lange aufgeschobene Aufgaben sind in dieser Hinsicht ja besonders zufriedenstellend.
Bis zu den Meetings am späteren Nachmittag machte ich etwas inzwischen ziemlich Seltenes: Ich nahm mir die Zeit, um Artikel zu lesen - und zwar ohne, dass ich sie unmittelbar für das Schreiben eines eigenen Manuskripts heranzog, sondern um mich einzudenken und Ideen zu generieren. Ein Teil von mir hatte großen Spaß, ein anderer hatte große Sorge (was, wenn sich da gar nichts generieren ließ?), wieder ein anderer Teil warf zynisch ein, dass am Ende doch sowieso alles bloß auf ein "X korreliert mit Y" hinauslaufen wird - wie aufregend!
Um 18:30 Uhr machte ich Schluss und fuhr zum Theaterworkshop. Auf dem Weg dorthin dachte ich darüber nach, dass man die meisten Dinge so oder so sehen kann und es daher sinnvoller wäre, sie im Sinne der eigenen Zufriedenheit zu betrachten, statt ihnen immer nur das Negative abzugewinnen. Dann dachte ich darüber nach, dass das Theaterspielen - hätte ich es früher im Leben für mich entdeckt -, sicher eine große Leidenschaft hätte werden können. Geahnt habe ich das schon immer. Allein - jedem Anfang wohnt eine Trägheit inne, die erst einmal überwunden werden muss, bis daraus vielleicht ein Zauber wird.
Momentan fühle ich mich geradezu in Balance. Leider kann ich die Anzeichen des Kipppunktes bereits spüren: Große Müdigkeit und die vernunftwidrige Weigerung, ihr entgegenzuwirken. Zum Beispiel sitze ich jetzt hier um 23:45 Uhr und schreibe einen belanglosen Text statt zu schlafen, dabei muss ich morgen um 5 Uhr aufstehen, um mein wöchentliches Pendelpensum zu absolvieren. Das ist bei näherer Betrachtung nicht besonders schlau.
Heute war aber ein ganz netter Tag. Die erste halbe Stunde war die unschönste, denn Biebertopf schrieb mir, dass er krank sei, und so kämpfte ich mit Panik und Tränen, bis mich der Beginn des ersten Meetings davon ablenkte. Insgesamt gab es heute drei Meetings, wobei eines nur ein Vortrag war, dem ich zuhörte. Um 11 Uhr unterbrach ich den Tag für einen Gang zum Friseur und freute mich darüber, dieses seit ungefähr einem Jahr offene To Do endlich abhaken zu können. Auf dem Nachhauseweg dachte ich darüber nach, wie viel Zufriedenheit ich aus dem reinen Abhaken von Aufgaben ziehen kann. Gerade unangenehme und/oder lange aufgeschobene Aufgaben sind in dieser Hinsicht ja besonders zufriedenstellend.
Bis zu den Meetings am späteren Nachmittag machte ich etwas inzwischen ziemlich Seltenes: Ich nahm mir die Zeit, um Artikel zu lesen - und zwar ohne, dass ich sie unmittelbar für das Schreiben eines eigenen Manuskripts heranzog, sondern um mich einzudenken und Ideen zu generieren. Ein Teil von mir hatte großen Spaß, ein anderer hatte große Sorge (was, wenn sich da gar nichts generieren ließ?), wieder ein anderer Teil warf zynisch ein, dass am Ende doch sowieso alles bloß auf ein "X korreliert mit Y" hinauslaufen wird - wie aufregend!
Um 18:30 Uhr machte ich Schluss und fuhr zum Theaterworkshop. Auf dem Weg dorthin dachte ich darüber nach, dass man die meisten Dinge so oder so sehen kann und es daher sinnvoller wäre, sie im Sinne der eigenen Zufriedenheit zu betrachten, statt ihnen immer nur das Negative abzugewinnen. Dann dachte ich darüber nach, dass das Theaterspielen - hätte ich es früher im Leben für mich entdeckt -, sicher eine große Leidenschaft hätte werden können. Geahnt habe ich das schon immer. Allein - jedem Anfang wohnt eine Trägheit inne, die erst einmal überwunden werden muss, bis daraus vielleicht ein Zauber wird.
pancreases | 21. April 26 | 0 Kommentare
| Kommentieren