Listers: A Glimpse Into Extreme Birdwatching ist ein kleines Meisterwerk. Urkomisch.
Und so ein Teil von einem will es ja auch: einfach ein Jahr lang losziehen, in der Natur sein, Dinos sammeln. Dem appgesteuerten Dopamin nachjagen. Hashtag eBird. Hashtag van life.
Aber vor allem würde ich gerne einen Film machen. Lieber ein solcher Film als fünf große Jahre. Ich käme gar nicht mehr runter von meinem High.
Und so ein Teil von einem will es ja auch: einfach ein Jahr lang losziehen, in der Natur sein, Dinos sammeln. Dem appgesteuerten Dopamin nachjagen. Hashtag eBird. Hashtag van life.
Aber vor allem würde ich gerne einen Film machen. Lieber ein solcher Film als fünf große Jahre. Ich käme gar nicht mehr runter von meinem High.
pancreases | 18. Juli 26 | 0 Kommentare
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Sitze in einem Raum als einer von circa 50 Menschen, die sich gegenseitig präsentieren, was sie so die letzten Jahre gemacht haben. Komme nicht umhin, zu staunen, wie einzigartig und irgendwie verrückt das alles ist, wie privilegiert: Den ganzen Tag von hochintelligenten und – noch viel wichtiger – hochengagierten und intrinsisch motivierten Leuten umgeben zu sein, die wissbegierig sind und Sachen interessant oder relevant oder im besten Fall beides finden. Und die dann Geld in die Hand gedrückt bekommen, um diesen Sachen nachzugehen. Das Geld gibt es meistens vom Staat, basierend auf groben Entwürfen, wo eigentlich 80% auf Vertrauen beruht, dass diese Menschen schon etwas Sinnvolles umgesetzt bekommen werden. Erstaunlicherweise gelingt das sogar oft, also, in einem bestimmten Sinne von „gelingen“. Sie sind zwar einerseits abhängig von dem Geld, klar, aber andererseits ist es ihnen schnurzpiepegal: Sie müssen und wollen damit nicht weiteres Geld produzieren, keiner fragt am Ende nach Gewinnmargen oder Aktienkursen. Stattdessen soll das Geld in so etwas Nebulöses wie Erkenntnis umgewandelt werden. Das geht nur tröpfchenweise und manchmal fließt der Fluss jahrelang den Berg hoch. Oft weiß man nicht mal so genau, ob man gerade noch dem Fluss folgt oder im Sumpf watet. Wichtig ist aber, egal was man tut, dass man darüber schreibt und dass andere zitieren, was man schreibt. Wie viel die anderen zitieren, was man schreibt, schreibt man in den Lebenslauf – davon lebt man.
Manchmal entstehen auch Produkte. So was wie Apps oder Computerspiele, bei denen es wichtig ist, dass sie nicht nur Spaß machen (tatsächlich machen sie meistens gar keinen Spaß), sondern dass man etwas lernt. Weil die Produkte nicht entwickelt wurden, um sie zu verkaufen (das sieht man ihnen auch an), verschwinden sie, sobald das Geld alle ist und der Mensch – es ist immer genau ein Mensch, der das Produkt am Laufen hält – nicht mehr bezahlt werden kann. Dann muss der Mensch seinen Lebenslauf aus der Schublade kramen und ihn durch die ganze Republik schicken. Oder ins Ausland. Das ist so gewünscht: Wer allzu lange am selben Ort bleibt, wird schief angeschaut. Alle sollen gut durchmischt werden, damit immer neue Kombinationen von klugen Köpfen entstehen. Wer rastet, der rostet, oder so. Alle strengen sich sehr an, weil sie das Spiel unbedingt weiterspielen wollen. Viele machen trotzdem irgendwann etwas anderes, weil es eine Reise nach Jerusalem ist: Ständig rotiert man von Ort zu Ort, aber es gibt gar nicht genug Stühle. Ciao.
Ich wache jeden Tag mit Schuldgefühlen auf, weil ich einen ziemlich raren, nämlich festen Stuhl erwischt habe und trotzdem so ungern darauf sitze. Die Welt da draußen, wo ich noch nie war und wo auch niemand, den ich kenne, hin will, ist eine große Unbekannte. Angsteinflößend, ehrlich gesagt. Sitze in dem Raum und kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo besser sein könnte. Sitze auf meinem Stuhl und will weg. Hatte mir verordnet, dieses Jahr mal nicht an die Zukunft zu denken und zu zweifeln, aber die Zeit der Zweifel setzt sich ohne meine Zustimmung fort. Wollte eigentlich nur festhalten, wie sehr ich sie bewundere und bestaune, die 49 anderen in dem Raum.
Manchmal entstehen auch Produkte. So was wie Apps oder Computerspiele, bei denen es wichtig ist, dass sie nicht nur Spaß machen (tatsächlich machen sie meistens gar keinen Spaß), sondern dass man etwas lernt. Weil die Produkte nicht entwickelt wurden, um sie zu verkaufen (das sieht man ihnen auch an), verschwinden sie, sobald das Geld alle ist und der Mensch – es ist immer genau ein Mensch, der das Produkt am Laufen hält – nicht mehr bezahlt werden kann. Dann muss der Mensch seinen Lebenslauf aus der Schublade kramen und ihn durch die ganze Republik schicken. Oder ins Ausland. Das ist so gewünscht: Wer allzu lange am selben Ort bleibt, wird schief angeschaut. Alle sollen gut durchmischt werden, damit immer neue Kombinationen von klugen Köpfen entstehen. Wer rastet, der rostet, oder so. Alle strengen sich sehr an, weil sie das Spiel unbedingt weiterspielen wollen. Viele machen trotzdem irgendwann etwas anderes, weil es eine Reise nach Jerusalem ist: Ständig rotiert man von Ort zu Ort, aber es gibt gar nicht genug Stühle. Ciao.
Ich wache jeden Tag mit Schuldgefühlen auf, weil ich einen ziemlich raren, nämlich festen Stuhl erwischt habe und trotzdem so ungern darauf sitze. Die Welt da draußen, wo ich noch nie war und wo auch niemand, den ich kenne, hin will, ist eine große Unbekannte. Angsteinflößend, ehrlich gesagt. Sitze in dem Raum und kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo besser sein könnte. Sitze auf meinem Stuhl und will weg. Hatte mir verordnet, dieses Jahr mal nicht an die Zukunft zu denken und zu zweifeln, aber die Zeit der Zweifel setzt sich ohne meine Zustimmung fort. Wollte eigentlich nur festhalten, wie sehr ich sie bewundere und bestaune, die 49 anderen in dem Raum.
pancreases | 16. Juli 26 | 0 Kommentare
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So viel Lebenszeit im Zug liegen zu lassen, das schmerzt mich, schmerzt fast körperlich, denn manchmal bilde ich mir ein, vor lauter Langeweile und Verdruss Kopfschmerzen zu kriegen, die aber vermutlich doch nur in meinem Kopf existieren, wobei mir das als Realitätsgrundlage für Kopfschmerzen mehr als ausreichend erscheint. Leider ist die Scheiße selbstverschuldet, also niemand außer mir selbst anzuklagen. Ich bin die, die sich das ausgesucht hat und es nun eben ausbaden, also ausfahren muss.
Immerhin ist Smalltalk deutlich einfacher geworden. Selbst das Wetter ist nicht so ein Dauerbrenner wie die Deutsche Bahn: Die lässt sofort Emotionen hochkochen, jeder kann und will was dazu sagen, hat zwei oder drei Anekdoten parat. An den Rekordhitzewochenenden kommt es zu einer glücklichen Verquickung der beiden Lieblingsthemen, denn da läuft es besonders schlecht auf deutschen Gleisen und die DB ruft vorsorglich zur Nichtinanspruchnahme der eigenen Dienstleistung auf. Inzwischen habe ich vorgefertigte Gesprächsschablonen, die ich aus dem Hut zaubern kann, um einmütiges Kopfschütteln hervorzurufen, allerdings nicht mehr mit derselben Verve wie noch am Anfang. Es ödet mich an, mir selbst bei den immer gleichen Geschichten zuhören zu müssen oder zu erzählen, „wie die Fahrt war“ und so laufe ich dann Gefahr, wieder Kopfschmerzen zu kriegen. Es ist ja so: Der Schatz an unterschiedlichen Erfahrungen, die man so sammelt, ist zwar groß, aber nicht unbegrenzt, und die meisten Fahrten fügen ihm nichts Neues hinzu, auch wenn es wieder X Minuten/Stunden Verspätung, einen entfallenen Endhalt oder akustisch/olfaktorisch auffällige Mitreisende gab.
Wenn dann aber doch mal etwas ganz Neues passiert, mischt sich ein wenig Euphorie in die übermüdete Verdrossenheit, löst sie nicht ab, sondern bildet eine instabile Emulsion. So war das am Mittwoch, als ich nach etwa drei Stunden Schlaf und Albträumen – denn was die Pendelei noch angenehmer macht, ist die unruhige Nacht, die ihr in der Regel vorausgeht – um 5:40 in den ICE stieg und dieser etwa eine halbe Stunde später am Arsch der Niederheide zum Stehen kam und stehen blieb. Einer von zwei Stromabnehmern war kaputt gegangen und ob uns der andere an den nächsten Provinzbahnhof bringen konnte, wurde „unter Hochdruck“, wie es hieß, erwogen, dann ausprobiert, dann aufgegeben. Dann musste die Feuerwehr anrücken und den Zug erden. Währenddessen durfte sich die gesamte Fahrgastgemeinschaft schon einmal Richtung Wagen 14 bewegen und sogar in der ersten Klasse Platz nehmen, um auf den Beginn der Evakuierung zu warten. Wenn die Bahn ihre Zweiklassengesellschaft aufgibt, weiß man, dass es ernst ist.
Zweieinhalb Stunden nachdem der Stromabnehmer sich verabschiedet hatte, wurde das Startsignal gegeben und alle hundertdreizehn Fahrgäste durften nacheinander über eine Trittleiter aus Wagen 14 auf das Gleisbett steigen und den langen Marsch zum nächsten Bahnhof antreten. Na gut, es waren nur circa hundert Meter. Die aber waren aufregend – wann geht man schon mal erlaubterweise auf einem Gleis entlang? Selbst unerlaubterweise machen das ja nur melancholische Teenager in Coming-of-Age-Filmen. Ab Bahnhof wurde es dann wieder die gleiche öde Geschichte wie eh und je, mit reichlich weiterer Verspätung, kann man sich denken. Unser Zug hatte ja schon früh am Morgen die gesamte Strecke ins Chaos gestürzt. In der App lasen Menschen, die in anderen Zügen saßen oder auf sie warteten, von „technischen Problemen bei einem vorausfahrenden Zug“ und fragten sich, was das bedeuten mochte, oder vermuteten eine Worthülse, mit der die DB bloß ihre üblichen Verspätungen rechtfertigte, denn seien wir mal ehrlich: wer hatte je diese ominösen Züge mit den technischen Pannen selbst erlebt? Das war doch alles ein Hoax, eine Maßnahme, um das Volk ruhigzustellen. Lange lasse ich mir das nicht mehr gefallen, haben sie gedacht, die da oben werden schon noch sehen, haben sie gedacht, und vor stiller Wut haben sie den Kaffeebecher zerdrückt. Wenn man nur oft genug Bahn fährt, habe ich derweil gedacht, sitzt man also irgendwann auch selbst einmal im Zentrum des Geschehens, erlebt ein Abenteuer, und dann ist das Leben wieder würzig und macht Spaß, so viel Spaß, habe ich gedacht und dann war das WiFi-Signal wieder weg, mein Akku endgültig leer, und es lagen noch Zweidrittel Arbeitstag vor mir, als ich nach achtstündiger Reise in Frankfurt ankam.
Zwei Tage später fuhr ich weiter nach Freiburg, weil ich dort berufsbedingt… halt was machen musste. Schöngeredet hatte ich mir den Aufenthalt damit, dass ich ihn mit einem Ziel verbinden konnte, das schon seit längerem auf meiner Reisewunschliste stand: dem Bienenfresserpfad. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, weshalb sich ein in den Tropen und Subtropen beheimateter Vogel hier wieder angesiedelt hatte: Es war nicht heiß, sondern Heiß. Wir (H. war für das Wochenende nachgereist) beschlossen daher, möglichst früh am Morgen aufzubrechen. Als ich nach zehneinhalb Stunden aufwachte, erinnerte ich mich auch sofort, dass der Wecker um 7 Uhr geklingelt hatte. Nun war es 9 Uhr und richtig ärgern konnte ich mich nicht darüber. Das wäre auch völlig unnötig gewesen, denn wir bekamen noch sehr viele Bienenfresser zu Gesicht. Ich hatte erwartet, dass es Geduld und äußerstes Glück erfordern würde, um auch nur ein einziges Exemplar zu sichten – weil ich ja noch nie zuvor im Leben einen Bienenfresser gesehen hatte und weil sonst sicher alle Welt in den Kaiserstuhl pilgern würde, um mit eigenen Augen einen echten Bienenfresser zu sehen! Auf die Gefahr hin, dass der Ort demnächst überrannt wird, kann ich aber berichtigen, dass die Bienenfresser überhaupt nicht schwer aufzufinden sind und man sich schon anstrengen, d. h. den Blick permanent auf den Boden gerichtet lassen müsste, damit sie einem entgehen. Man fahre bloß nach Ihringen und biege in die hohle Gasse auf den Weinberg ein, schon sieht man die ersten durch die Luft schießen. Dank der hohen Lösswände gibt es sogar ein wenig Schatten, in dem es sich bis um die Mittagsstunde aushalten lässt. Es ist also gar nicht nötig, den gesamten Bienenfresserpfad zu gehen, jedenfalls nicht, wenn es einem mehr um die Bienenfresser zu tun ist, als darum, bei Gluthitze eine mehrstündige Wanderung zurückzulegen.
Für einen anderen Vogel braucht man übrigens doch einiges Glück und das hatten wir an diesem Tag: ein Wiedehopf war etwa anderthalb Sekunden lang zu sehen, als er zwischen den Rebstöcken hindurchflog.
Zurück in Freiburg machte ich mich auf die Suche nach dem Foltermuseum, das es hier laut Internet bis 2006 gegeben hat und das meine Erinnerung an Freiburg, wo ich zuletzt 2001 oder 2002 gewesen sein muss, geprägt hat. H. musste mir viermal um den Platz herum folgen, bis wir endlich das richtige Gebäude identifiziert hatten. Ich weiß nicht genau, was ich durch diese Übung gewonnen habe, aber es wäre mir nicht richtig vorgekommen, diesen inneren Drang zu ignorieren. Abends ließen wir wie alle anderen die Füße ins Bächle baumeln und fragten uns, was passieren müsste, damit wir Deutschland verlassen würden. Antwort: viel zu viel zu viel.
Am nächsten Tag (das ist heute) verließen wir Freiburg und befanden Hamburg im Vergleich als äußerst angenehm. Es ist ein richtiger Städtereigen, da wird einem schwindelig: am Dienstag geht’s erneut nach BaWü, in die am schlechtesten angebundene Unistadt. Ein Tag Anreise, um am nächsten Tag für buchstäblich zwei Minuten Arbeit (die ich ablesen darf, wie mir mitgeteilt wurde) dort zu sein und einen Tag später abzureisen. Kurz im Norden durchschnaufen, nächste Woche wieder Frankfurt, Ende Juli wiederum eine neue Stadt in BaWü, im August kein BaWü mehr, dafür Finnland und so weiter und so fort – habe ich eigentlich schon gesagt, dass ich ziemlich gerne zu Hause und gar nicht so gerne unterwegs bin? Man soll nicht klagen, aber. Ich mach’s halt trotzdem.
Immerhin ist Smalltalk deutlich einfacher geworden. Selbst das Wetter ist nicht so ein Dauerbrenner wie die Deutsche Bahn: Die lässt sofort Emotionen hochkochen, jeder kann und will was dazu sagen, hat zwei oder drei Anekdoten parat. An den Rekordhitzewochenenden kommt es zu einer glücklichen Verquickung der beiden Lieblingsthemen, denn da läuft es besonders schlecht auf deutschen Gleisen und die DB ruft vorsorglich zur Nichtinanspruchnahme der eigenen Dienstleistung auf. Inzwischen habe ich vorgefertigte Gesprächsschablonen, die ich aus dem Hut zaubern kann, um einmütiges Kopfschütteln hervorzurufen, allerdings nicht mehr mit derselben Verve wie noch am Anfang. Es ödet mich an, mir selbst bei den immer gleichen Geschichten zuhören zu müssen oder zu erzählen, „wie die Fahrt war“ und so laufe ich dann Gefahr, wieder Kopfschmerzen zu kriegen. Es ist ja so: Der Schatz an unterschiedlichen Erfahrungen, die man so sammelt, ist zwar groß, aber nicht unbegrenzt, und die meisten Fahrten fügen ihm nichts Neues hinzu, auch wenn es wieder X Minuten/Stunden Verspätung, einen entfallenen Endhalt oder akustisch/olfaktorisch auffällige Mitreisende gab.
Wenn dann aber doch mal etwas ganz Neues passiert, mischt sich ein wenig Euphorie in die übermüdete Verdrossenheit, löst sie nicht ab, sondern bildet eine instabile Emulsion. So war das am Mittwoch, als ich nach etwa drei Stunden Schlaf und Albträumen – denn was die Pendelei noch angenehmer macht, ist die unruhige Nacht, die ihr in der Regel vorausgeht – um 5:40 in den ICE stieg und dieser etwa eine halbe Stunde später am Arsch der Niederheide zum Stehen kam und stehen blieb. Einer von zwei Stromabnehmern war kaputt gegangen und ob uns der andere an den nächsten Provinzbahnhof bringen konnte, wurde „unter Hochdruck“, wie es hieß, erwogen, dann ausprobiert, dann aufgegeben. Dann musste die Feuerwehr anrücken und den Zug erden. Währenddessen durfte sich die gesamte Fahrgastgemeinschaft schon einmal Richtung Wagen 14 bewegen und sogar in der ersten Klasse Platz nehmen, um auf den Beginn der Evakuierung zu warten. Wenn die Bahn ihre Zweiklassengesellschaft aufgibt, weiß man, dass es ernst ist.
Zweieinhalb Stunden nachdem der Stromabnehmer sich verabschiedet hatte, wurde das Startsignal gegeben und alle hundertdreizehn Fahrgäste durften nacheinander über eine Trittleiter aus Wagen 14 auf das Gleisbett steigen und den langen Marsch zum nächsten Bahnhof antreten. Na gut, es waren nur circa hundert Meter. Die aber waren aufregend – wann geht man schon mal erlaubterweise auf einem Gleis entlang? Selbst unerlaubterweise machen das ja nur melancholische Teenager in Coming-of-Age-Filmen. Ab Bahnhof wurde es dann wieder die gleiche öde Geschichte wie eh und je, mit reichlich weiterer Verspätung, kann man sich denken. Unser Zug hatte ja schon früh am Morgen die gesamte Strecke ins Chaos gestürzt. In der App lasen Menschen, die in anderen Zügen saßen oder auf sie warteten, von „technischen Problemen bei einem vorausfahrenden Zug“ und fragten sich, was das bedeuten mochte, oder vermuteten eine Worthülse, mit der die DB bloß ihre üblichen Verspätungen rechtfertigte, denn seien wir mal ehrlich: wer hatte je diese ominösen Züge mit den technischen Pannen selbst erlebt? Das war doch alles ein Hoax, eine Maßnahme, um das Volk ruhigzustellen. Lange lasse ich mir das nicht mehr gefallen, haben sie gedacht, die da oben werden schon noch sehen, haben sie gedacht, und vor stiller Wut haben sie den Kaffeebecher zerdrückt. Wenn man nur oft genug Bahn fährt, habe ich derweil gedacht, sitzt man also irgendwann auch selbst einmal im Zentrum des Geschehens, erlebt ein Abenteuer, und dann ist das Leben wieder würzig und macht Spaß, so viel Spaß, habe ich gedacht und dann war das WiFi-Signal wieder weg, mein Akku endgültig leer, und es lagen noch Zweidrittel Arbeitstag vor mir, als ich nach achtstündiger Reise in Frankfurt ankam.
Zwei Tage später fuhr ich weiter nach Freiburg, weil ich dort berufsbedingt… halt was machen musste. Schöngeredet hatte ich mir den Aufenthalt damit, dass ich ihn mit einem Ziel verbinden konnte, das schon seit längerem auf meiner Reisewunschliste stand: dem Bienenfresserpfad. Was ich dabei nicht bedacht hatte, war, weshalb sich ein in den Tropen und Subtropen beheimateter Vogel hier wieder angesiedelt hatte: Es war nicht heiß, sondern Heiß. Wir (H. war für das Wochenende nachgereist) beschlossen daher, möglichst früh am Morgen aufzubrechen. Als ich nach zehneinhalb Stunden aufwachte, erinnerte ich mich auch sofort, dass der Wecker um 7 Uhr geklingelt hatte. Nun war es 9 Uhr und richtig ärgern konnte ich mich nicht darüber. Das wäre auch völlig unnötig gewesen, denn wir bekamen noch sehr viele Bienenfresser zu Gesicht. Ich hatte erwartet, dass es Geduld und äußerstes Glück erfordern würde, um auch nur ein einziges Exemplar zu sichten – weil ich ja noch nie zuvor im Leben einen Bienenfresser gesehen hatte und weil sonst sicher alle Welt in den Kaiserstuhl pilgern würde, um mit eigenen Augen einen echten Bienenfresser zu sehen! Auf die Gefahr hin, dass der Ort demnächst überrannt wird, kann ich aber berichtigen, dass die Bienenfresser überhaupt nicht schwer aufzufinden sind und man sich schon anstrengen, d. h. den Blick permanent auf den Boden gerichtet lassen müsste, damit sie einem entgehen. Man fahre bloß nach Ihringen und biege in die hohle Gasse auf den Weinberg ein, schon sieht man die ersten durch die Luft schießen. Dank der hohen Lösswände gibt es sogar ein wenig Schatten, in dem es sich bis um die Mittagsstunde aushalten lässt. Es ist also gar nicht nötig, den gesamten Bienenfresserpfad zu gehen, jedenfalls nicht, wenn es einem mehr um die Bienenfresser zu tun ist, als darum, bei Gluthitze eine mehrstündige Wanderung zurückzulegen.
Für einen anderen Vogel braucht man übrigens doch einiges Glück und das hatten wir an diesem Tag: ein Wiedehopf war etwa anderthalb Sekunden lang zu sehen, als er zwischen den Rebstöcken hindurchflog.
Zurück in Freiburg machte ich mich auf die Suche nach dem Foltermuseum, das es hier laut Internet bis 2006 gegeben hat und das meine Erinnerung an Freiburg, wo ich zuletzt 2001 oder 2002 gewesen sein muss, geprägt hat. H. musste mir viermal um den Platz herum folgen, bis wir endlich das richtige Gebäude identifiziert hatten. Ich weiß nicht genau, was ich durch diese Übung gewonnen habe, aber es wäre mir nicht richtig vorgekommen, diesen inneren Drang zu ignorieren. Abends ließen wir wie alle anderen die Füße ins Bächle baumeln und fragten uns, was passieren müsste, damit wir Deutschland verlassen würden. Antwort: viel zu viel zu viel.
Am nächsten Tag (das ist heute) verließen wir Freiburg und befanden Hamburg im Vergleich als äußerst angenehm. Es ist ein richtiger Städtereigen, da wird einem schwindelig: am Dienstag geht’s erneut nach BaWü, in die am schlechtesten angebundene Unistadt. Ein Tag Anreise, um am nächsten Tag für buchstäblich zwei Minuten Arbeit (die ich ablesen darf, wie mir mitgeteilt wurde) dort zu sein und einen Tag später abzureisen. Kurz im Norden durchschnaufen, nächste Woche wieder Frankfurt, Ende Juli wiederum eine neue Stadt in BaWü, im August kein BaWü mehr, dafür Finnland und so weiter und so fort – habe ich eigentlich schon gesagt, dass ich ziemlich gerne zu Hause und gar nicht so gerne unterwegs bin? Man soll nicht klagen, aber. Ich mach’s halt trotzdem.
pancreases | 12. Juli 26 | 0 Kommentare
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Heuer hat ja jeder eine Meinung zum Wetter. Allerdings ist es immer die gleiche und deshalb ist das schon Punkt eins auf meiner Liste: Die Hitze schweißt zusammen.
Zweitens: Dieses Schwitzen schmeckt wie Sühne und versetzt darum katholische Anhänger der letzten Generation in einen Zustand religiöser Ekstase. Burn, baby, burn.
Drittens: Ich habe endlich etwas gefunden, das ich an Hamburg vielleicht ein klein bisschen besser finden kann als an Frankfurt. Während ich durch das Viertel spaziere, besteht mein innerer Monolog aus einem einzigen trotzigen Rant, ständig rege ich mich gegenüber rein imaginären Gesprächspartnern darüber auf, dass diese Streberstadt so scheinbar schön daherstolziert. Aber, halte ich dagegen, und da verlasse ich dann die Ebene der rationalen Analyse und steigere mich in meine argumentationsarme Ablehnung hinein. Im Übrigen finde ich dieses sommerliche Schwächegefühl eigentlich sehr angenehm, wenn mir der rote Mainsandstein – dem Backstein weit überlegen – entgegenglüht und ich gut gelaunt, ein Liedchen trällernd (aber kein Musical!), durch die aufgeheizten Straßen springe. Wenn ich mich dann ohnmächtig in die Affenhitze des unsanierten Altbaus sinken lassen kann. Manche Meinungen sind ganz meine, mehrheitsfähig müssen sie nicht sein.
Neues drittens: siehe Überschrift.
Zweitens: Dieses Schwitzen schmeckt wie Sühne und versetzt darum katholische Anhänger der letzten Generation in einen Zustand religiöser Ekstase. Burn, baby, burn.
Drittens: Ich habe endlich etwas gefunden, das ich an Hamburg vielleicht ein klein bisschen besser finden kann als an Frankfurt. Während ich durch das Viertel spaziere, besteht mein innerer Monolog aus einem einzigen trotzigen Rant, ständig rege ich mich gegenüber rein imaginären Gesprächspartnern darüber auf, dass diese Streberstadt so scheinbar schön daherstolziert. Aber, halte ich dagegen, und da verlasse ich dann die Ebene der rationalen Analyse und steigere mich in meine argumentationsarme Ablehnung hinein. Im Übrigen finde ich dieses sommerliche Schwächegefühl eigentlich sehr angenehm, wenn mir der rote Mainsandstein – dem Backstein weit überlegen – entgegenglüht und ich gut gelaunt, ein Liedchen trällernd (aber kein Musical!), durch die aufgeheizten Straßen springe. Wenn ich mich dann ohnmächtig in die Affenhitze des unsanierten Altbaus sinken lassen kann. Manche Meinungen sind ganz meine, mehrheitsfähig müssen sie nicht sein.
Neues drittens: siehe Überschrift.
pancreases | 29. Juni 26 | 0 Kommentare
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Herrlich, will man seufzen, einfach herrlich, schau doch nur, wie herrlich das alles ist, dabei vage in alle Richtungen deutend, wo sich ein Postkartenmotiv ans andere reiht, wo die Kühe – glücklich! frei! – auf den Wiesen – ja natürlich sind die saftig, Herrgottnochmal sind die saftig! – um die Wette läuten und irgendein Österreicher sagt’s viel besser, „isch des schian“ sagt der, und man will sich ganz in diese ursaftige Sprache einwickeln wie in einen Kartoffelsack und die Wiesen runterrollen zu den Kühen, aber die Kühe sind ja oben, Kletterkühe sind das, fliegen können die bestimmt auch und Eier legen, unten, oben, ganz egal, ja gern noch einen Aperol, wie soll man das sonst aushalten hier, all die Herrlichkeit, schaust du denn auch hin, meine Augen alleine reichen nicht, achtzig Millionen Augen reichen nicht, ich kratz sie mir gleich aus vor lauter nicht auszuhaltender, augenweidender Herrlichkeit, die uns das ZDF schon seit 1963 oder wann auch immer, seit Urzeiten vor die deutsche Birne knallt, da, du Drecksau, jetzt schau doch endlich hin, halt auch den Rüssel in die Luft, riechst du das, nein, natürlich riechst du nichts im Fernsehen, aber was denkst du denn, wie diese Fichtenwälder, Zirbelkiefern, wie diese Schafgarbe, der Enzian und die Kuhfladen, wie das alles dich erdrückt und erstickt, wenn du dir nicht ganz schnell die Alte Birne hinter die Binde kippst, kopfüber kippte ich in die heile Welt, wenn mich Heidi nicht haarscharf –
Da ist dieser Fleck in meinem Hirn, der hat das Braun der Siebziger Jahre, das auch das Braun der hiesigen Fensterläden ist, und das Rot der Geranien, die rund um das Haus meiner Großeltern blühten und die hier noch immer blühen, und dieser Fleck geht nicht weg, der rotiert und verschwimmt und wird zum Rorschachtest, der mich nicht in Ruhe lässt, bis ich seine braun-rot-herrlichen Verästelungen enträtselt habe.
Da!, insistierte meine Großmutter, da schau hin, und ließ nicht locker, die Stimme ewig gereizt, bis man – nun schau doch, siehst du, sieh – endlich bestätigte: ja doch, ich habe gesehen, ich bin ja nicht blind, habe den Bussard, das Reh, den Herrn Emich auf dem Krückstock schon vor dir erspäht, und nun sind wir längst vorbeigefahren, fünf mal zwei Augen eingepfercht auf zwei mal zwei Rädern, und ich immer hinten-mittig und du nervst du nervst du nervst.
Schau doch nur, schreie ich mir selbst ins Hirn, schau schau schau, klick klick klick. Kaum habe ich das Handy in der Hüfttasche verstaut, zuckt die Hand erneut zum Reißverschluss, alle zwei Meter ist der Weg ein anderer und ich will mir die Haare raufen, will noch ein Bild machen. Wieder missrät es, wieder ist es nur ein zweidimensionaler Abklatsch der Herrlichkeit.
Ja, die Aussicht: schön und gut und vielgesehen. Aber die Wege, insistiere ich, dieser Stock und jener Stein, das Wurzelwerk, das Schuhwerk, wie es knirscht, einmal alle achtzig Millionen Augen nach unten richten, bittesehr, und ich versuche verzweifelt noch ein Bild durch die trübe Linse und sie kann und kann und kann nicht einfangen, was ich schaue. Was, denke ich, denn man hat viel Zeit zu denken auf den Wegen, was, wenn es Gott doch gäbe und mir ein Himmel eingespielt werden müsste, könnte dann dieser Weg aus meiner Festplatte ausgelesen werden oder müsste ich erst eine halbe Ewigkeit damit verbringen, ihn Schritt für Schritt zu beschreiben? Würde mir dann nicht sterbenslangweilig und also widerhimmlig zumute werden? Könnte ab und zu, auf Wunsch, ein Lied eingespielt werden, das durch Berge und Täler schallt – nur so eine Idee, wo wir schon im Himmel sind? Ich geh mit dir, wohin du willst.
Der Aperol wird hier nicht mit Wasser verdünnt, sondern auf den Liegen am Naturbadeteich ausgenüchtert. Auch die Renten sind höher und vermutlich sicher. Audi geht es schlecht, das Vaterland humpelt, man kennt sich von der Wanderung. Während der hoteleigene Bergführer in die Zirben spie – Magenverstimmung –, trank man zwei Schnäpse auf sein Wohl: das schweißt zusammen. So geht es, dass man plötzlich, an Tag drei, Hallihallo durchs Hotel grüßt. Noch zwanzig Jahre so, dann hängen auch unsere Profile im Schaukasten am Eingang, vergilbt und glücklich sehen wir aus. Zen, sagt H. Langweilig, sage ich und gehe aus der Sauna und ans Handy, Screentime tanken, Seele stählen: gleich halt ich‘s wieder aus.
Im Haus mit den Geranien gab es Fotoalben, zimmerweise. Von den Reisen hatten meine Großeltern Brieffreundschaften mitgebracht, Zwischenhalte nach Italien, ein reicheres Leben, dachte ich immer, und sah doch nur das fertige Destillat, das in angestaubten Flaschen aus dem Keller geholt wurde. Wie es gebraut und abgefüllt worden war, davon gab es nurmehr Geschichten, Märchen, die ich für das ganze Leben hielt. Die Aussicht hatte man ins Album geklebt, der Weg blieb mir dunkel: Wie also ging das ganz genau, so im Detail, mit den Bekanntschaften? Vom Schnaps an der Bar bis zum Adressbuch meines Großvaters – da war eine Lücke, eine Auslassung, die mir erst am dritten Tag auffiel und über die ich nachdachte, während H. mit unserem Nachbartisch Konversation machte. Uns würde das, trotz allem Hallihallo, nicht passieren, dachte ich, mir nicht.
Am vierten Tag werde ich viergliedrig, chrombeinig, jetzt kraxle ich auf Teleskopstangen durchs Gebirge. Was, denke ich, denn es ist immer noch viel Zeit zu denken, was, wenn die Aliens nicht kämen, um die Erde zu zerstören, sondern als Ausflügler, Urlaubsparadies am Rande der Galaxie? Statt dreibeiniger Kampfmaschinen vierbeinige Lustwandler – auch das so ein Wort, das man in die Saftpresse stecken und genüsslich schlürfen möchte, der Lustwandler trinkt auch Buttermilch auf der Alm. Die Alm wird es dann nicht mehr geben, vermute ich, denn die Urlauber kommen erst in ein paar tausend Jahren, dann gibt es noch Stock und Stein, aber statt Menschen kraxeln jetzt Aliens durch die Berge, einer stürzt und bricht sich das Chrombein, ein Rettungsschiff wird gerufen, Dr. McAlien eilt zu Hilfe. Ein Glück, auch in tausend Jahren gibt es für das ZDF noch was zu senden – Filmrechte auf Anfrage.
Ich will nicht, dass der Urlaub zu Ende geht, sage ich am zweiten Tag. Der Urlaub fängt doch gerade erst an, sagt H. Jetzt ist der Urlaub vorbei, sage ich, und H. sagt, bald kommt der nächste. Ich kann am letzten Tag noch genauso weinen wie ich als Kind am letzten Tag geweint habe und genau wie damals fängt trotzdem alles an und ist im Anfang schon vorbei, so immer fort. Das Leben kann nicht nur Jause sein, oder irgendein anderer blöder Spruch, den sich die Erwachsenen zuwerfen, um die Tränen zu stillen. Ich bin untröstlich.
Fünfter Tag, zweiter Bergführer, nachdem wir den ersten an die Speierei verloren haben. Er jagt um die Kurven, bei Rot gibt er Gas, wir kommen trotzdem heile an und gehen los. Man kennt sich jetzt schon, man wandert gemeinsam. Ich lasse H. zurück in guter Gesellschaft. H. findet Vornamen heraus, ich sammle sie später ein, erst einmal jage ich über die Wege, fotografiere im Gehen, Linse nach unten, Kopf nach oben, und das ist ein toller Trick: zu schnell zum Reden, zu viel zu sehen. Ohne meine Beihilfe schließt H. die Lücke. Abends noch ein Schnaps an der Bar, morgens eine Nummer im Handy, als sei das das Natürlichste der Welt. Die Details dechiffriere ein anderer.
Da ist dieser Fleck, den habe ich mitgebracht. Er breitet sich aus auf meinem Palimpsest, verwischt die Schrift: da wart ihr, hier bin ich, ihr seid nicht mehr, ihr wart einmal. Unverstaubte Menschen, lückenloses Leben. Ich bin ein Trauerkloß und meine Lücke ist groß. Im Radio spielt Lechufer den Hit Zfrieda sei. Wir lassen die Fenster runter und es schallt durch Berge und Täler. Wenn du aufstehst und dir tuat nix weh, sei doch mal dankbar. Oafach ma zfrieda sei, dir fahlt doch an nix. Ja was willscht denn mehr?
Da ist dieser Fleck in meinem Hirn, der hat das Braun der Siebziger Jahre, das auch das Braun der hiesigen Fensterläden ist, und das Rot der Geranien, die rund um das Haus meiner Großeltern blühten und die hier noch immer blühen, und dieser Fleck geht nicht weg, der rotiert und verschwimmt und wird zum Rorschachtest, der mich nicht in Ruhe lässt, bis ich seine braun-rot-herrlichen Verästelungen enträtselt habe.
Da!, insistierte meine Großmutter, da schau hin, und ließ nicht locker, die Stimme ewig gereizt, bis man – nun schau doch, siehst du, sieh – endlich bestätigte: ja doch, ich habe gesehen, ich bin ja nicht blind, habe den Bussard, das Reh, den Herrn Emich auf dem Krückstock schon vor dir erspäht, und nun sind wir längst vorbeigefahren, fünf mal zwei Augen eingepfercht auf zwei mal zwei Rädern, und ich immer hinten-mittig und du nervst du nervst du nervst.
Schau doch nur, schreie ich mir selbst ins Hirn, schau schau schau, klick klick klick. Kaum habe ich das Handy in der Hüfttasche verstaut, zuckt die Hand erneut zum Reißverschluss, alle zwei Meter ist der Weg ein anderer und ich will mir die Haare raufen, will noch ein Bild machen. Wieder missrät es, wieder ist es nur ein zweidimensionaler Abklatsch der Herrlichkeit.
Ja, die Aussicht: schön und gut und vielgesehen. Aber die Wege, insistiere ich, dieser Stock und jener Stein, das Wurzelwerk, das Schuhwerk, wie es knirscht, einmal alle achtzig Millionen Augen nach unten richten, bittesehr, und ich versuche verzweifelt noch ein Bild durch die trübe Linse und sie kann und kann und kann nicht einfangen, was ich schaue. Was, denke ich, denn man hat viel Zeit zu denken auf den Wegen, was, wenn es Gott doch gäbe und mir ein Himmel eingespielt werden müsste, könnte dann dieser Weg aus meiner Festplatte ausgelesen werden oder müsste ich erst eine halbe Ewigkeit damit verbringen, ihn Schritt für Schritt zu beschreiben? Würde mir dann nicht sterbenslangweilig und also widerhimmlig zumute werden? Könnte ab und zu, auf Wunsch, ein Lied eingespielt werden, das durch Berge und Täler schallt – nur so eine Idee, wo wir schon im Himmel sind? Ich geh mit dir, wohin du willst.
Der Aperol wird hier nicht mit Wasser verdünnt, sondern auf den Liegen am Naturbadeteich ausgenüchtert. Auch die Renten sind höher und vermutlich sicher. Audi geht es schlecht, das Vaterland humpelt, man kennt sich von der Wanderung. Während der hoteleigene Bergführer in die Zirben spie – Magenverstimmung –, trank man zwei Schnäpse auf sein Wohl: das schweißt zusammen. So geht es, dass man plötzlich, an Tag drei, Hallihallo durchs Hotel grüßt. Noch zwanzig Jahre so, dann hängen auch unsere Profile im Schaukasten am Eingang, vergilbt und glücklich sehen wir aus. Zen, sagt H. Langweilig, sage ich und gehe aus der Sauna und ans Handy, Screentime tanken, Seele stählen: gleich halt ich‘s wieder aus.
Im Haus mit den Geranien gab es Fotoalben, zimmerweise. Von den Reisen hatten meine Großeltern Brieffreundschaften mitgebracht, Zwischenhalte nach Italien, ein reicheres Leben, dachte ich immer, und sah doch nur das fertige Destillat, das in angestaubten Flaschen aus dem Keller geholt wurde. Wie es gebraut und abgefüllt worden war, davon gab es nurmehr Geschichten, Märchen, die ich für das ganze Leben hielt. Die Aussicht hatte man ins Album geklebt, der Weg blieb mir dunkel: Wie also ging das ganz genau, so im Detail, mit den Bekanntschaften? Vom Schnaps an der Bar bis zum Adressbuch meines Großvaters – da war eine Lücke, eine Auslassung, die mir erst am dritten Tag auffiel und über die ich nachdachte, während H. mit unserem Nachbartisch Konversation machte. Uns würde das, trotz allem Hallihallo, nicht passieren, dachte ich, mir nicht.
Am vierten Tag werde ich viergliedrig, chrombeinig, jetzt kraxle ich auf Teleskopstangen durchs Gebirge. Was, denke ich, denn es ist immer noch viel Zeit zu denken, was, wenn die Aliens nicht kämen, um die Erde zu zerstören, sondern als Ausflügler, Urlaubsparadies am Rande der Galaxie? Statt dreibeiniger Kampfmaschinen vierbeinige Lustwandler – auch das so ein Wort, das man in die Saftpresse stecken und genüsslich schlürfen möchte, der Lustwandler trinkt auch Buttermilch auf der Alm. Die Alm wird es dann nicht mehr geben, vermute ich, denn die Urlauber kommen erst in ein paar tausend Jahren, dann gibt es noch Stock und Stein, aber statt Menschen kraxeln jetzt Aliens durch die Berge, einer stürzt und bricht sich das Chrombein, ein Rettungsschiff wird gerufen, Dr. McAlien eilt zu Hilfe. Ein Glück, auch in tausend Jahren gibt es für das ZDF noch was zu senden – Filmrechte auf Anfrage.
Ich will nicht, dass der Urlaub zu Ende geht, sage ich am zweiten Tag. Der Urlaub fängt doch gerade erst an, sagt H. Jetzt ist der Urlaub vorbei, sage ich, und H. sagt, bald kommt der nächste. Ich kann am letzten Tag noch genauso weinen wie ich als Kind am letzten Tag geweint habe und genau wie damals fängt trotzdem alles an und ist im Anfang schon vorbei, so immer fort. Das Leben kann nicht nur Jause sein, oder irgendein anderer blöder Spruch, den sich die Erwachsenen zuwerfen, um die Tränen zu stillen. Ich bin untröstlich.
Fünfter Tag, zweiter Bergführer, nachdem wir den ersten an die Speierei verloren haben. Er jagt um die Kurven, bei Rot gibt er Gas, wir kommen trotzdem heile an und gehen los. Man kennt sich jetzt schon, man wandert gemeinsam. Ich lasse H. zurück in guter Gesellschaft. H. findet Vornamen heraus, ich sammle sie später ein, erst einmal jage ich über die Wege, fotografiere im Gehen, Linse nach unten, Kopf nach oben, und das ist ein toller Trick: zu schnell zum Reden, zu viel zu sehen. Ohne meine Beihilfe schließt H. die Lücke. Abends noch ein Schnaps an der Bar, morgens eine Nummer im Handy, als sei das das Natürlichste der Welt. Die Details dechiffriere ein anderer.
Da ist dieser Fleck, den habe ich mitgebracht. Er breitet sich aus auf meinem Palimpsest, verwischt die Schrift: da wart ihr, hier bin ich, ihr seid nicht mehr, ihr wart einmal. Unverstaubte Menschen, lückenloses Leben. Ich bin ein Trauerkloß und meine Lücke ist groß. Im Radio spielt Lechufer den Hit Zfrieda sei. Wir lassen die Fenster runter und es schallt durch Berge und Täler. Wenn du aufstehst und dir tuat nix weh, sei doch mal dankbar. Oafach ma zfrieda sei, dir fahlt doch an nix. Ja was willscht denn mehr?
pancreases | 27. Juni 26 | 0 Kommentare
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