Das Herz sollte voll sein, überquellen.

Ich schaue diesen Menschen zu, die ich nun mehrere Monate lang erleben durfte, wie sie als Statuen nach tausend Jahren erwachten, unsichtbare Bälle verschiedenster Größe und Temperatur durch die Luft warfen, sich kleine Szenen ausdachten, probten, spielten, improvisierten, - schaue zu, wie die jetzt alle auf dieser Bühne stehen und etwas abliefern, dem ein kleiner Zauber innewohnt. Jeder und jede holt noch mal etwas raus, das in den Proben nicht da war: etwas eigenes.
Für den Theaterverein ist es nur eine Werkstattaufführung, aber für uns ist es der kröhnende Abschluss unseres dienstäglichen Zusammen-Spiels.

Dann bin ich dran. Ich betrete die Bühne und spiele mich selbst - oder jedenfalls eine Figur, der ich bloß die Erlaubnis geben muss, vor das Publikum zu treten: Changierend zwischen Wut und Liebe und Sorge und Hass.
"Haben wir was vergessen?", fragt meine Frau, als wir wieder unten sind. "Ich glaube nicht", sage ich, "aber es war echt schnell vorbei".

Einige haben schon viel Erfahrung - J. erzählt heute, dass er im Herbst auf die Schauspielschule gehen wird -, andere weniger, nur eine hat keine. Wobei mir diese Aussage gänzlich falsch vorkommt. Bloß weil das meine erste Teilnahme an einem Theaterworkshop war, heißt das ja nicht, dass ich keine Erfahrung habe: Spielen wir nicht alle Theater, jeden Tag, immer?
Hier hat man wenigstens für kurze Zeit die Erlaubnis, man selbst zu sein: laut, albern, überspannt.

Als ich alleine an der Haltestelle stehe und auf die U3 warte, ist jedes Danke gesagt, alle Menschen umarmt, und ich weiß: einige sehe ich nie wieder. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb mir das Herz schwer wird. Die inneren Stimmen drehen ihre Lautstärke wieder auf. Biebertopf sagt, man müsse Gegenstimmen entwickeln, Zwiegespräche führen, aber das kommt mir in diesem Moment völlig sinnlos vor: Was soll ich da erwidern, sie haben doch einfach Recht, sie sprechen bloß die Wahrheit aus. Ich bin nun mal (wieder, wie immer) die einzige Person aus der Gruppe, die außen vor bleibt, die niemand richtig mag, deren Namen nicht mal alle kennen.
Kaum fällt der Vorhang, wird der Clown wieder selbstmitleidig.

Fast wäre ich zum ersten Treffen nicht hingegangen. Tatsächlich war ich bereits umgekehrt: Ich stand vor dem Theater und sah eine Gruppe Menschen durch die Glastür. Da machte ich auf dem Absatz kehrt und ging geradewegs den Weg zurück, den ich gekommen war. Der Gedanke, gleich so vielen neuen Gesichtern zu begegnen, machte mir Angst.
Ich muss ja nicht, dachte ich.
Ich gehe einfach wieder heim.
Gehe heim und muss nicht erleben, wie mich - mich allein - keiner mag.
Nach ein paar Schritten kehrte ich erneut um.
Ich kann ja nächstes Mal zu Hause bleiben, wenn's so schlimm wird.
Aber dann hatte ich Pech, denn es wurde gar nicht schlimm, sondern richtig toll: die Menschen, das Spielen, alles. Alles, bis auf das.

Das Stück, das wir heute in Auszügen spielten, heißt "Haltestelle. Geister." Ganz passend, finde ich.