Sitze in einem Raum als einer von circa 50 Menschen, die sich gegenseitig präsentieren, was sie so die letzten Jahre gemacht haben. Komme nicht umhin, zu staunen, wie einzigartig und irgendwie verrückt das alles ist, wie privilegiert: Den ganzen Tag von hochintelligenten und – noch viel wichtiger – hochengagierten und intrinsisch motivierten Leuten umgeben zu sein, die wissbegierig sind und Sachen interessant oder relevant oder im besten Fall beides finden. Und die dann Geld in die Hand gedrückt bekommen, um diesen Sachen nachzugehen. Das Geld gibt es meistens vom Staat, basierend auf groben Entwürfen, wo eigentlich 80% auf Vertrauen beruht, dass diese Menschen schon etwas Sinnvolles umgesetzt bekommen werden. Erstaunlicherweise gelingt das sogar oft, also, in einem bestimmten Sinne von „gelingen“. Sie sind zwar einerseits abhängig von dem Geld, klar, aber andererseits ist es ihnen schnurzpiepegal: Sie müssen und wollen damit nicht weiteres Geld produzieren, keiner fragt am Ende nach Gewinnmargen oder Aktienkursen. Stattdessen soll das Geld in so etwas Nebulöses wie Erkenntnis umgewandelt werden. Das geht nur tröpfchenweise und manchmal fließt der Fluss jahrelang den Berg hoch. Oft weiß man nicht mal so genau, ob man gerade noch dem Fluss folgt oder im Sumpf watet. Wichtig ist aber, egal was man tut, dass man darüber schreibt und dass andere zitieren, was man schreibt. Wie viel die anderen zitieren, was man schreibt, schreibt man in den Lebenslauf – davon lebt man.

Manchmal entstehen auch Produkte. So was wie Apps oder Computerspiele, bei denen es wichtig ist, dass sie nicht nur Spaß machen (tatsächlich machen sie meistens gar keinen Spaß), sondern dass man etwas lernt. Weil die Produkte nicht entwickelt wurden, um sie zu verkaufen (das sieht man ihnen auch an), verschwinden sie, sobald das Geld alle ist und der Mensch – es ist immer genau ein Mensch, der das Produkt am Laufen hält – nicht mehr bezahlt werden kann. Dann muss der Mensch seinen Lebenslauf aus der Schublade kramen und ihn durch die ganze Republik schicken. Oder ins Ausland. Das ist so gewünscht: Wer allzu lange am selben Ort bleibt, wird schief angeschaut. Alle sollen gut durchmischt werden, damit immer neue Kombinationen von klugen Köpfen entstehen. Wer rastet, der rostet, oder so. Alle strengen sich sehr an, weil sie das Spiel unbedingt weiterspielen wollen. Viele machen trotzdem irgendwann etwas anderes, weil es eine Reise nach Jerusalem ist: Ständig rotiert man von Ort zu Ort, aber es gibt gar nicht genug Stühle. Ciao.

Ich wache jeden Tag mit Schuldgefühlen auf, weil ich einen ziemlich raren, nämlich festen Stuhl erwischt habe und trotzdem so ungern darauf sitze. Die Welt da draußen, wo ich noch nie war und wo auch niemand, den ich kenne, hin will, ist eine große Unbekannte. Angsteinflößend, ehrlich gesagt. Sitze in dem Raum und kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo besser sein könnte. Sitze auf meinem Stuhl und will weg. Hatte mir verordnet, dieses Jahr mal nicht an die Zukunft zu denken und zu zweifeln, aber die Zeit der Zweifel setzt sich ohne meine Zustimmung fort. Wollte eigentlich nur festhalten, wie sehr ich sie bewundere und bestaune, die 49 anderen in dem Raum.