Jede Stunde einmal aufgewacht, dazwischen wirre Träume. Nur an den letzten kann ich mich noch erinnern. Ich hatte plötzlich (das heißt, ohne dass ich mich an die Geburt erinnern konnte – es war aber definitiv meins) ein Baby, circa zehn bis zwanzig Tage alt, so genau wusste ich das nicht. Ich kümmerte mich darum, so gut ich konnte, also nicht besonders gut. Mir fiel auf, dass es stank – was auch kein Wunder war, da ich schon lange vergaß, es zu wickeln. Die nächste Beschämung traf mit DeMann und Sternchen ein, die völlig perplex waren, schließlich hatte ich immer behauptet, dass ich kein Kind bekommen würde. Nun war ich schon seit schätzungsweise zwei Wochen Mutter und hatte ihnen nichts davon erzählt. Dabei konnten unsere Kinder nun zusammen aufwachsen, war das nicht toll? Ihr Kind und mein Kind. Mein Kind mit dem Namen…bestürzt stellte ich fest, dass ich den Namen nicht mehr wusste. Noch gestern hatte ich ihn sicher gewusst! Wie konnte man so etwas über Nacht vergessen? “Jasper”, riet ich, wenig überzeugt. Nun eben Jasper. [1]
Weitere Erinnerungslücken taten sich auf: Wer war der Vater? H. war es leider nicht, auch wenn er das dachte. Verschwommene Bilder von irgendeinem Typen, einer Nacht, die absolut vergessenswürdig und doch folgenschwer gewesen war. Ich stellte Kalkulationen an: Wie wahrscheinlich, dass H. es je herausfand? Wie schwerwiegend, falls er es herausfand? Beklommen dachte ich an DNA-Tests, 23andMe, Erbkrankheiten. Und entschied mich trotzdem – na klar, das stand von vornherein fest – für ein Leben in Lüge.
Der Traum endete, als ich das schlafende stinkende Baby anschaute, das jetzt Jasper hieß, aber auch irgendeinen anderen Namen hätte haben können. Irgendeine andere Mutter. Ich schaute es an und fühlte: nichts. Nada. Richtig ist das nicht, dachte ich. So soll das nicht sein.

Als Sternchen noch schwanger war, träumte ich, dass auch ich schwanger sei. Wir waren zur gleichen Zeit im Krankenhaus, teilten ein Zimmer. Auch in diesem Traum der Gedanke: Nun können unsere Kinder zusammen aufwachsen. Gleichzeitig unendliche Panik vor der Geburt. Sternchen musste zuerst durch. Da werde ich sehen, dass es gar nicht so schlimm ist, dachte ich. Das wird mich beruhigen und dann schaffe ich das auch. Als ich Sternchen am nächsten Tag wiedersah, sah sie aus wie eine Leiche: ganz grau und eingefallen. Wie es gewesen sei, fragte ich. Sehr, sehr schlimm, sagte sie.

Alle, alle, alle haben ja jetzt ein Kind oder werden in den nächsten Jahren eins bekommen. Ich habe in meinem Leben schon öfter Stationen ausgelassen, nicht gemacht, was alle gemacht haben. Tanzkurs in der Mittelstufe. Führerschein mit 18. Freunde haben und Party machen. Heiraten. Und jetzt eben: Kind. Manchmal schaue ich mich schon um und denke: Ist das richtig so? Bin ich falsch? Die Träume scheinen eine Antwort zu suchen. Und die Antwort scheint eindeutig zu sein. Bisher bin ich noch jedes Mal erleichtert aufgewacht.

Am Abend DeMann, Sternchen und das himmlische Kind besucht. Es lacht jetzt. Ich auch.

[1] Der Name “Jasper” fiel meinem Traumgedächtnis nur deshalb ein, weil mich H. gestern Abend herausforderte, den Namen des neugeborenen Sohnemanns von Bekannten zu erraten. Dank meiner überragenden Menschenkenntnis lag ich mit “Jasper Heinrich” nur knapp daneben.