Montag, 20. April 2026
Als ich mich so durch das Internet klicke, fällt mir plötzlich wieder ein, dass ich vor circa dreißig Minuten die Acceptance für das Horror-Paper bekommen habe. Erstaunlich, denke ich, ganz und gar erstaunlich. Da ist er also endlich, der Moment, auf den alles hinausläuft, hinfiebert: Das Produkt von drei Jahren Arbeit. Sehr harte, frustrierende Arbeit - ganz besonders in diesem Fall. Und dann kommt also der Moment, man liest die E-Mail. Freut sich. Gut, denkt man, gut gut. Haben wir das also auch geschafft, ist das also endlich vorbei! Muss ich mich nun also nie wieder mit diesem Paper rumquälen.
Dann schließt man Outlook, klickt weiter. Und keine Minute später hat man es schon wieder vergessen. Weiter geht's.

Letztes Jahr war so eines dieser Jahre, in denen ich mich hart gegen die Wand gefahren und dann monatelang durch die Bremsspur geschleift habe. Ich musste es gerade in meinem Kalender nachschauen, weil ich das gar nicht glauben kann, aber es war tatsächlich erst vor einem Jahr, dass wir unsere App in die Stores geprügelt haben und ich absolut auf Hochtouren lief, glühender Motor, funkensprühende Reifen. Ich war on, Baby!

Irgendwie habe ich es in der gleichen Zeit geschafft, mich auf einen Halbmarathon vorzubereiten. Auch das kommt mir im Rückblick völlig fantastisch vor. Wie soll das gegangen sein? Aber es ging - oder besser gesagt lief, nämlich jeden Abend 75-90 Minuten, samstags auch mal mehr.
Der Halbmarathon fiel dann aus für mich, weil ich - in der Angst, sonst nicht optimal vorbereitet zu sein - das Läuferknie zu ignorieren suchte und hartnäckig weiterlief. Es ging und ging, bis es nicht mehr ging. Manchmal schreibt sich das Leben in Metaphern.

Als dann die App gelauncht und der Halbmarathon begraben war, war der Tank nicht etwa sofort leer. Noch einige Monate lang strampelte ich vor mich hin - zunehmend verzweifelt ob einer weiteren, mich vor allem emotional ziemlich belastenden Aufgabe. Wochenende um Wochenende arbeitete ich weg, als gäb's kein Sterben. Nebenbei zog ich um: fast 500 km in die Ferne, 500 km Heimweh, und ab jetzt 3.5 Stunden Pendelweg hin, 3.5 Stunden zurück - mindestens, das heißt bei optimalem Bahnverkehr, das heißt eigentlich nie.

Doch dann war die belastende Aufgabe endlich überstanden, auch der Umzug war vollzogen, es war Hochsommer - und vielleicht hätte ich jetzt erleichtert und zufrieden sein können, aber dann flatterte wenige Tage später die Major Revision für dieses Paper ins Haus. Niederschmetternd. Ich wusste, dass das Paper schlecht war, und die Reviews bestätigten bloß diesen Eindruck. Vor allem aber fehlten mir zu diesem Zeitpunkt jegliche Kraft, Idee und Wille, mich nun wieder Tag für Tag vor dieses Manuskript zu setzen und es irgendwie in etwas Brauchbares zu verwandeln. Ein großer Teil von mir wünschte, es wäre einfach abgelehnt worden.

Ich fragte - zum ersten Mal in meinem Leben - nach einer Verlängerung der Deadline. Ich hörte von heute auf morgen auf, jedes Wochenende durchzuarbeiten. Ich arbeitete gar nicht mehr am Wochenende. Auch unter der Woche lief effektiv wenig bis gar nichts. Ich fühlte mich schlecht, dann immer noch schlechter, schließlich vollkommen wertlos. Ich hoffte, nun wenigstens privat in meinen Hobbies etwas zustande bringen zu können, doch auch hier enttäuschte ich. Es kam mir vor, als hätte ich noch nie in meinem Leben irgendetwas geleistet, und noch schlimmer: als würde ich auch in Zukunft nie etwas leisten können.

So verging der Sommer, der Herbst folgte auf dem Fuße. An den Winter habe ich kaum eine Erinnerung.

Im Januar stellten sich die Uhren um. Weihnachten und Silvester hatte ich sehr genossen - nach langer Zeit fühlte ich mich zum ersten Mal entspannt und ausgeruht. Der Tank war plötzlich wieder voll. Ich hatte wieder Ideen, ich hatte wieder Energie. Und was man hat, das soll man ausgeben, am besten mit beiden Händen.

Hurra, geschafft. Weiter geht's - solange es noch geht.