Herrlich, will man seufzen, einfach herrlich, schau doch nur, wie herrlich das alles ist, dabei vage in alle Richtungen deutend, wo sich ein Postkartenmotiv ans andere reiht, wo die Kühe – glücklich! frei! – auf den Wiesen – ja natürlich sind die saftig, Herrgottnochmal sind die saftig! – um die Wette läuten und irgendein Österreicher sagt’s viel besser, „isch des schian“ sagt der, und man will sich ganz in diese ursaftige Sprache einwickeln wie in einen Kartoffelsack und die Wiesen runterrollen zu den Kühen, aber die Kühe sind ja oben, Kletterkühe sind das, fliegen können die bestimmt auch und Eier legen, unten, oben, ganz egal, ja gern noch einen Aperol, wie soll man das sonst aushalten hier, all die Herrlichkeit, schaust du denn auch hin, meine Augen alleine reichen nicht, achtzig Millionen Augen reichen nicht, ich kratz sie mir gleich aus vor lauter nicht auszuhaltender, augenweidender Herrlichkeit, die uns das ZDF schon seit 1963 oder wann auch immer, seit Urzeiten vor die deutsche Birne knallt, da, du Drecksau, jetzt schau doch endlich hin, halt auch den Rüssel in die Luft, riechst du das, nein, natürlich riechst du nichts im Fernsehen, aber was denkst du denn, wie diese Fichtenwälder, Zirbelkiefern, wie diese Schafgarbe, der Enzian und die Kuhfladen, wie das alles dich erdrückt und erstickt, wenn du dir nicht ganz schnell die Alte Birne hinter die Binde kippst, kopfüber kippte ich in die heile Welt, wenn mich Heidi nicht haarscharf –

Da ist dieser Fleck in meinem Hirn, der hat das Braun der Siebziger Jahre, das auch das Braun der hiesigen Fensterläden ist, und das Rot der Geranien, die rund um das Haus meiner Großeltern blühten und die hier noch immer blühen, und dieser Fleck geht nicht weg, der rotiert und verschwimmt und wird zum Rorschachtest, der mich nicht in Ruhe lässt, bis ich seine braun-rot-herrlichen Verästelungen enträtselt habe.

Da!, insistierte meine Großmutter, da schau hin, und ließ nicht locker, die Stimme ewig gereizt, bis man – nun schau doch, siehst du, sieh – endlich bestätigte: ja doch, ich habe gesehen, ich bin ja nicht blind, habe den Bussard, das Reh, den Herrn Emich auf dem Krückstock schon vor dir erspäht, und nun sind wir längst vorbeigefahren, fünf mal zwei Augen eingepfercht auf zwei mal zwei Rädern, und ich immer hinten-mittig und du nervst du nervst du nervst.

Schau doch nur, schreie ich mir selbst ins Hirn, schau schau schau, klick klick klick. Kaum habe ich das Handy in der Hüfttasche verstaut, zuckt die Hand erneut zum Reißverschluss, alle zwei Meter ist der Weg ein anderer und ich will mir die Haare raufen, will noch ein Bild machen. Wieder missrät es, wieder ist es nur ein zweidimensionaler Abklatsch der Herrlichkeit.
Ja, die Aussicht: schön und gut und vielgesehen. Aber die Wege, insistiere ich, dieser Stock und jener Stein, das Wurzelwerk, das Schuhwerk, wie es knirscht, einmal alle achtzig Millionen Augen nach unten richten, bittesehr, und ich versuche verzweifelt noch ein Bild durch die trübe Linse und sie kann und kann und kann nicht einfangen, was ich schaue. Was, denke ich, denn man hat viel Zeit zu denken auf den Wegen, was, wenn es Gott doch gäbe und mir ein Himmel eingespielt werden müsste, könnte dann dieser Weg aus meiner Festplatte ausgelesen werden oder müsste ich erst eine halbe Ewigkeit damit verbringen, ihn Schritt für Schritt zu beschreiben? Würde mir dann nicht sterbenslangweilig und also widerhimmlig zumute werden? Könnte ab und zu, auf Wunsch, ein Lied eingespielt werden, das durch Berge und Täler schallt – nur so eine Idee, wo wir schon im Himmel sind? Ich geh mit dir, wohin du willst.

Der Aperol wird hier nicht mit Wasser verdünnt, sondern auf den Liegen am Naturbadeteich ausgenüchtert. Auch die Renten sind höher und vermutlich sicher. Audi geht es schlecht, das Vaterland humpelt, man kennt sich von der Wanderung. Während der hoteleigene Bergführer in die Zirben spie – Magenverstimmung –, trank man zwei Schnäpse auf sein Wohl: das schweißt zusammen. So geht es, dass man plötzlich, an Tag drei, Hallihallo durchs Hotel grüßt. Noch zwanzig Jahre so, dann hängen auch unsere Profile im Schaukasten am Eingang, vergilbt und glücklich sehen wir aus. Zen, sagt H. Langweilig, sage ich und gehe aus der Sauna und ans Handy, Screentime tanken, Seele stählen: gleich halt ich‘s wieder aus.

Im Haus mit den Geranien gab es Fotoalben, zimmerweise. Von den Reisen hatten meine Großeltern Brieffreundschaften mitgebracht, Zwischenhalte nach Italien, ein reicheres Leben, dachte ich immer, und sah doch nur das fertige Destillat, das in angestaubten Flaschen aus dem Keller geholt wurde. Wie es gebraut und abgefüllt worden war, davon gab es nurmehr Geschichten, Märchen, die ich für das ganze Leben hielt. Die Aussicht hatte man ins Album geklebt, der Weg blieb mir dunkel: Wie also ging das ganz genau, so im Detail, mit den Bekanntschaften? Vom Schnaps an der Bar bis zum Adressbuch meines Großvaters – da war eine Lücke, eine Auslassung, die mir erst am dritten Tag auffiel und über die ich nachdachte, während H. mit unserem Nachbartisch Konversation machte. Uns würde das, trotz allem Hallihallo, nicht passieren, dachte ich, mir nicht.

Am vierten Tag werde ich viergliedrig, chrombeinig, jetzt kraxle ich auf Teleskopstangen durchs Gebirge. Was, denke ich, denn es ist immer noch viel Zeit zu denken, was, wenn die Aliens nicht kämen, um die Erde zu zerstören, sondern als Ausflügler, Urlaubsparadies am Rande der Galaxie? Statt dreibeiniger Kampfmaschinen vierbeinige Lustwandler – auch das so ein Wort, das man in die Saftpresse stecken und genüsslich schlürfen möchte, der Lustwandler trinkt auch Buttermilch auf der Alm. Die Alm wird es dann nicht mehr geben, vermute ich, denn die Urlauber kommen erst in ein paar tausend Jahren, dann gibt es noch Stock und Stein, aber statt Menschen kraxeln jetzt Aliens durch die Berge, einer stürzt und bricht sich das Chrombein, ein Rettungsschiff wird gerufen, Dr. McAlien eilt zu Hilfe. Ein Glück, auch in tausend Jahren gibt es für das ZDF noch was zu senden – Filmrechte auf Anfrage.

Ich will nicht, dass der Urlaub zu Ende geht, sage ich am zweiten Tag. Der Urlaub fängt doch gerade erst an, sagt H. Jetzt ist der Urlaub vorbei, sage ich, und H. sagt, bald kommt der nächste. Ich kann am letzten Tag noch genauso weinen wie ich als Kind am letzten Tag geweint habe und genau wie damals fängt trotzdem alles an und ist im Anfang schon vorbei, so immer fort. Das Leben kann nicht nur Jause sein, oder irgendein anderer blöder Spruch, den sich die Erwachsenen zuwerfen, um die Tränen zu stillen. Ich bin untröstlich.

Fünfter Tag, zweiter Bergführer, nachdem wir den ersten an die Speierei verloren haben. Er jagt um die Kurven, bei Rot gibt er Gas, wir kommen trotzdem heile an und gehen los. Man kennt sich jetzt schon, man wandert gemeinsam. Ich lasse H. zurück in guter Gesellschaft. H. findet Vornamen heraus, ich sammle sie später ein, erst einmal jage ich über die Wege, fotografiere im Gehen, Linse nach unten, Kopf nach oben, und das ist ein toller Trick: zu schnell zum Reden, zu viel zu sehen. Ohne meine Beihilfe schließt H. die Lücke. Abends noch ein Schnaps an der Bar, morgens eine Nummer im Handy, als sei das das Natürlichste der Welt. Die Details dechiffriere ein anderer.

Da ist dieser Fleck, den habe ich mitgebracht. Er breitet sich aus auf meinem Palimpsest, verwischt die Schrift: da wart ihr, hier bin ich, ihr seid nicht mehr, ihr wart einmal. Unverstaubte Menschen, lückenloses Leben. Ich bin ein Trauerkloß und meine Lücke ist groß. Im Radio spielt Lechufer den Hit Zfrieda sei. Wir lassen die Fenster runter und es schallt durch Berge und Täler. Wenn du aufstehst und dir tuat nix weh, sei doch mal dankbar. Oafach ma zfrieda sei, dir fahlt doch an nix. Ja was willscht denn mehr?